GERMAN CHURCH SCHOOL
ADDIS ABEBA
Juli - November 1998

Liebe Freunde!

Das letzte Jahr ist wie im Flug vergangen, und es wird wieder Zeit für einen herzlichen und weihnachtlichen Gruß an Sie alle, die Sie unsere Arbeit in der German Curch School auch im vergangenen Jahr ermöglicht und freundschaftlich begleitet haben.
Hier in Addis Abeba sind die Tage hochsommerlich heiß und die Nächte bitterkalt. Wir sind mitten in der Trockenzeit, die Ernte wird in vielen Teilen des Landes eingebracht - und wir brauchen als Ausländer ein bißchen Phantasie, um die traditionelle Weihnachtsstimmung zu empfinden. In äthiopien wird Weihnachten erst am 06. Januar gefeiert und man schreibt das Jahr 1991, denn unser Gastland folgt dem gregorianischen Kalender.

Durch die ausführliche Festschrift, die wir Ihnen aus Anlaß der Einweihung des neuen Schulgebäudes und der Graduierung des ersten Kurses des Berufsbildungsprogramms zuschicken, sind Sie über die erste Hälfte des Jahres gut informiert. Pastor Veddeler und seine Familie sind inzwischen nach Wuppertal umgezogen und Angelika Veddeler hat ihre neue Stelle als Afrikareferentin bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) angetreten.
Jetzt läuft das Bewerbungsverfahren für die Neubesetzung der Pfarrstelle und ab Sommer 1999 wird es wieder einen Pfarrer oder eine Pfarrerin mit einem langfristigen Vertrag bei uns geben. Bis dahin haben mein Mann und ich die Vertretung übernommen. Manche von Ihnen kennen uns aus der Korrespondenz bereits - in den vergangenen zwei Jahren haben wir zur Entlastung von Pastor Veddeler in Gemeinde und GCS mitgearbeitet.

Wegen des Wechsels mußten wir leider die geplante Reise des Direktors der GCS, Ato Teklu Tafesse, nach Deutschland auf das nächste Jahr verschieben. So reiste er in diesem Jahr nach Finnland, machte an vielen Orten mit großem Erfolg unsere Arbeit bekannt und pflegte die bereits vielfältig vorhandenen Beziehungen zu Spendern dort.

Bevor ich zu unserer Schule komme, noch ein paar Worte zur Situation in äthiopien: Vielleicht haben sie gehört, daß es zwischen Eritrea und äthiopien seit Mai diesen Jahres Grenzkonflikte gibt, die lokal eskalierten. Vermittler aus Afrika und den USA haben sich eingeschaltet und es gibt Anlaß zur Hoffnung, daß eine Einigung in absehbarer Zeit erzielt wird. Trotzdem hat sich die Lebenssituation der Menschen durch die angespannte Lage natürlich nicht verbessert; die Preise für Lebensmittel stiegen in die Höhe, das Gas, Treibstoff und Kerosin zum Kochen sind knapp. Das trifft die Familien unserer Schülerinnen und Schüler besonders hart.

auch deshalb sind wir froh über die Umsetzung eines kleinen Projektes zu Beginn des neuen Schuljahres: Es wird nun täglich in jeder großen Pause ein Vollkornbrot, etwa so groß wie ein doppeltes Brötchen, an jedes Kind verteilt. Es wird außerdem geplant, den Kindern ca. zwei mal in der Woche zusätzlich noch etwas vitaminreiches Obst zu geben.

EinweihungDer Erfolg dieser von den Kindern begeistert angenommenen Aktion ist nicht ausgeblieben: Während es früher trotz allem passierte, daß Kinder sich aus Hunger nicht auf den Unterricht konzentrieren konnten und sogar bewußtlos wurden, kommt dies nun tatsächlich nicht mehr vor. die Verteilung von Teff (Getreide) und öl an die Familien der Kinder, die bisher zweimal jährlich stattfand, ist dadurch nicht gestrichen, aber in ihrem Umfang reduziert worden. Wir freuen uns sehr, daß diese kleine änderung so viel bewirkt hat!

Lassen Sie mich an dieser Stelle nur stichwortartig und auszugsweise die vielen Dinge nennen, die durch Sie zusätzlich möglich geworden sind:
565 von über 900 Kindern haben Pateneltern, die sie monatlich finanziell unterstützen und die Ausbildung ermöglichen. Mit Ihrer Hilfe konnten wir im Juni die neuen Schulgebäude einweihen, der bis dahin oft unbenutzbare Zufahrtsweg zur Schule wurde betoniert und dient nun auch als Spielplatz während der Pausen. Die Einrichtung der Schule konnte in Form einer gut ausgestatteten Bibliothek und Klinik sehr zum Nutzen der Kinder erweitert werden.
Der Grundstock eines Laboratoriums für den naturkundlichen Unterricht konnte gelegt werden und soll, sobald die noch fehlenden Dinge erhältlich sind, weiter ausgebaut werden.

Auch in diesem Jahr zu Weihnachten können wir durch Ihre Unterstützung wieder alle Schülerinnen und Schüler mit guten Lederschuhen ausstatten. Zusätzlich bekommen sie ein kleines Extra-Weihnachtsgeschenk: Im Rahmen der Schuluniform erhält jedes Kind zusätzlich ein Poloshirt, und im nächsten Jahr soll die Uniform dann noch um einen Pullover erweitert werden. In einer Höhe von knapp 3.000 m kann es, besonders während der Regenzeit, sehr kalt werden, so daß dies wirklich eine sinnvolle Ergänzung der Schulkleidung ist.

In unserem letzten Weihnachtsbrief haben wir angekündigt, daß mit der Fertigstellung der neuen Schule Platz da sein würde, um die Schule um die Klasse 8 zu erweitern. dies ist nun geschehen, außerdem wurde die Anzahl der Stunden von täglich fünf auf 7 Stunden erhöht und zwei zusätzliche Lehrer wurden eingestellt.

Für die Zukunft haben wir nun vor allem vor, noch mehr Zeit und Sorgfalt in die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer zu investieren. Die wöchentliche Lehrerfortbildung soll intensiviert und um zusätzliche Kurse ergänzt werden. Hierfür hat uns eine erfahrene Lehrerin der deutschen Botschaftsschule ihre Hilfe angeboten Sie trifft sich wöchentlich mit dem Kollegium unserer Schule zu Fachgesprächen und lädt diese hin und wieder in ihren eigenen Unterricht ein. Für dieses Engagement sind wir sehr, sehr dankbar.

Auf dem Schulhof bietet sich den Pausen ein sehr buntes Bild: Schülerinnen und Schüler der ersten acht Klassen, die Absolventinnen und Absolventen des Berufsbildungprogramms, und dazwischen ganz selbstverständlich die blinden Kinder, von Besuchern oft gar nicht sofort bemerkt.

Ihnen gilt in diesem Jahr der besondere Stolz der Schule: An den äth. Ausscheidungswettkämpfen für die Olympischen Spiele behinderter Menschen in Sydney (Paralympics) nahmen nämlich auch Schüler unserer Schule teil. Zwei von ihnen qualifizierten sich und werden im Juni 1999 zusammen mit ihrem Trainer und Lehrer Ato Girma Woressa zu den All African Games nach Südafrika fliegen. sollte es ihnen gelingen, sich auch dort zu qualifizieren, werden sie die weite Reise nach Australien antreten und ihr Land vertreten. Schüler wie Mitarbeiter der GCS sind schon jetzt stolz auf sie.

Ein Wehmutstropfen, den wir nicht verschweigen wollen in diesem insgesamt so ereignisreichen Jahr, ist die Frage der übernahme der Absolventinnen und Absolventen unseres Berufsbildungsprogrammes in den Arbeitsmarkt. Die jungen Leute - und auch Mitarbeiter - haben es zur Zeit nicht leicht, mit der Enttäuschung zu leben, daß nur wenige der 18 Absolventen schon eine bezahlte Stelle gefunden haben. Die meisten sind noch als Praktikanten in Betrieben eingesetzt, um ihre praktischen Fähigkeiten in der Wartezeit erhalten zu können, bekommen jedoch kein Gehalt. Das ist angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von 68 % in Addis Abeba zwar nicht ungewöhnlich - aber wir hatten alle nach der überwältigend positiven Resonanz während des Büropraktikums doch mehr und schnellere Erfolge erwartet!

Für uns ist es ein Anlaß über die Gestaltung des Berufsbildungprogrammes weiterhin intensiv nachzudenken. Insbesondere beschäftigt uns die Frage, wie wir schon in der Schule die Mädchen besser fördern können. Auch in äthiopien ist der Beruf Sekretärin eigentlich ein Frauenberuf. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß bei den Auswahlgesprächen die Jungen durchweg besser sind, da die Mädchen mit zunehmenden Alter mehr Hausarbeit übernehmen müssen und so weniger Zeit zum Lernen haben. Dies ist ein Widerspruch, der herausfordert - nicht nur im Berufsbildungsprogramm, sondern auch als Schule! Auch in diesen Fragen sind wir auf das Mitdenken vieler, oft wenig beachtet, angewiesen - Auch dafür: Danke!

Wir danken allen, die die Arbeit der GCS begleitet haben - mitdenkend, mitarbeitend und vieles mittragend, das ohne Sie unmöglich wäre. Herzlichen Dank für alle Mithilfe im vergangenen Jahr!

Mit guten Wünschen für die Weihnachtstage und das kommende Jahr grüßen Sie herzlich,

Ato Teklu Tafesse, Direktor GCS          Pastorin Margrit Tuente

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