Die German Church School
Rundbrief Dezember 2011
 
Liebe Patinnen und Paten, liebe Freunde der German Church School,

Am Samstag vor dem 1.Advent fand rund um die Kreuzkirche wieder unser großer Christmas Bazaar mit viel internationalem Publikum statt. Die Frauen der deutschsprachigen Gemeinde hatten bereits nach der Sommerpause mit den Vorbereitungen begonnen, und dank vieler Besuchergruppen und hilfsbereiter Flugbegleiterinnen der Lufthansa waren wieder genug Kerzen für die Adventskränze zusammen gekommen.
Martina Plass und ihr emsiges Team von Ehemaligen unserer Gemeinde haben in Deutschland Aldi, Lidl & Co. leer geräumt und die begehrten Weihnachtssüßigkeiten auf die Reise geschickt. Allen Beteiligten sei herzlich gedankt!

Begrüßung auf Deutsch

Nach der Eröffnung des Basars durch den stellvertretenden deutschen Botschafter Herrn Biontino haben die Kinder der German Church School als besondere Überraschung ihre ersten Sätze und Lieder auf Deutsch präsentiert: "Lasst uns froh und munter sein…" Angeleitet wurden sie dabei von Frau Berr, die vom hiesigen Goetheinstitut entsandt seit September erstmals Deutsch für unsere Sechstklässler anbietet.

Kinderspeisung hat begonnen

Ein weiteres freudiges Ereignis konnte endlich stattfinden. Nach längerer Vorbereitung durch unsern Sozialarbeiter Tenagashaw Bekele hat unser Kinderspeisungsprojekt in dieser Woche begonnen.

Bereits im Sommer hatten wir auf dem Hintergrund der Hungersnot am Horn von Afrika mehrere großzügige zweckgebundene Spenden und Kollekten bekommen und versprochen, dass wir sie mangelernährten Kindern hier in Addis zukommen zu lassen. Da bot sich vor allem der benachbarte Genet-Kindergarten an, mit dem wir im Rahmen unseres Kindergarten-Projekts bereits seit längerem erfolgreich zusammenarbeiten.
Die Frühstücksaktion ist zunächst auf dieses Schuljahr beschränkt, unter dem Stichwort "Kinderspeisung" nehmen wir dafür zweckgebundene Spenden und Kollekten gern entgegen.

Für viele Familien und Alleinerziehende wird es immer schwieriger, bei den steigenden Lebensmittel- und Mietpreisen die eigenen Kinder durchzubringen. Viele Jungen und Mädchen müssen ohne ein Frühstück auskommen. So sind wir sehr froh, dass wir dieses Angebot zumindest für eine Zeit lang über die German Church School hinaus ausweiten können. Vielleicht ja auch für länger…

Selamawit und ihre Familie

Dass der Alltag dennoch auch für die von der GCS unterstützten Familien eine permanente Herausforderung und ein Überlebenskampf bleibt, zeigt der folgende Bericht unseres Sozialarbeiters:

"Trotz der Hungerkrise am Horn von Afrika wächst die Wirtschaft in Äthiopien rapide. Dennoch müssen die Menschen besonders in den großen Städten wie Addis Abeba mit der ständig steigenden Inflation kämpfen. Die latente Armut lässt es nicht zu, das tägliche Brot auf dem Tisch zu haben. Noch schwieriger ist es für Familien, die zwei oder mehr Kinder haben. Wie sollen sie für die beim Schulbesuch entstehenden Kosten aufkommen?

Unsere Schülerin Selamawit kommt aus solch einer Familie, die mit diesem großen Paradox aus Wachstum und Armut leben muss. Die fünfköpfige Familie muss mit dem mageren Einkommen des Vaters sowie den bescheidenen Erträgen aus der Heimarbeit der Mutter auskommen. Beide Eltern sind HIV-positiv, die Kinder wissen das auch.

Die kleine Unterkunft, in der sie hausen, gehört der Kommune. In den letzten 9 Jahren brauchten sie keine Miete zu bezahlen. Allerdings ist der halbe Wohnraum vollgestopft mit Gegenständen der öffentlichen Kommune, auf die die Familie aufpassen muss. Seit diesem August müssen sie ohne elektrischen Strom auskommen, sie haben kein Licht und keinen Radioempfang. Der Nachbar hatte Eigenbedarf angemeldet und die Leitung einfach gekappt. Die anderen Nachbarn sind nicht bereit, Strom und Wasser mit Selamawits Familie zu teilen. Diese muss das Wasser nun von weit entfernt herbeischleppen.

Das wirkt sich nicht nur auf die soziale Situation der Familie aus, sondern auch auf die schulischen Leistungen der Kinder. Entweder müssen sie eine Kerze anzünden, aber die sind teuer und kosten den Vater ein Drittel (!) seines Monatsgehalts. Oder sie müssen Licht mit dem Handy machen und es dazu aufladen, wozu sie aber wieder Strom bräuchten. Also müssen sie früh ins Bett gehen (man bedenke: ab sieben Uhr Abends ist es hier das ganze Jahr über stockduster). Eine andere Wohnung können sie sich bei den ständig steigenden Mieten hier in der Stadt nicht leisten.

Trotz all dieser Einschränkungen geht Selamawit, die jetzt Klasse 7 besucht, sehr gern zur Schule. Ihr jüngerer Bruder geht in den Kindergarten, ihre ältere Schwester ist in Klasse 9 einer öffentlichen Schule. Obwohl der Vater gerade einen gering bezahlten Job als Nachtwächter begonnen hat, nimmt er am Abendunterricht der German Church School teil und besucht dort jetzt die 5. Klasse. Die Familie ist überzeugt, dass Ausbildung der Schlüssel zum Erfolg ist und einen Ausweg aus der Armut bietet.

Als Nachtwächter verdient der Vater nicht mehr als 14 Euro im Monat. Die Mutter muss zuhause bleiben, um auf die gelagerten Gegenstände aufzupassen; sie kann daher keiner auswärtigen Beschäftigung nachgehen. Sie verdient mit Stickereien ein klein wenig Geld dazu. Selamawit sagt, ihre Familie fühlte sich die letzten Jahre zuhause "wie die Beute, die von Jägern umzingelt ist - aber mit Gottes Hilfe schaffen wir es. Die Schule hat uns sehr geholfen." Ihr Vater fügt hinzu: "Wir sind der Schule dankbar, weil ich sicher sein kann, dass meine Tochter immer ein Frühstück bekommt. Das ist eine große Erleichterung für uns."

Die German Church School hat einen ganzheitlichen Ansatz, um den Nöten in Selamawits Familie zu begegnen. Das Büro der Sozialarbeit arbeitet mit den Eltern zusammen, um ein nachhaltig wirksames Umfeld aufzubauen. So bekommt die Familie eine monatliche Zusatzunterstützung, um den finanziellen Druck zu vermindern. Außerdem wird die Mutter mit einem Kleinkredit dabei unterstützt, ihre Heimarbeit auszuweiten. Ein Mini-Solarlicht soll helfen, das Problem der Versorgung mit Elektrizität zu lösen. Selamawits Familie soll neue Hoffnung bekommen, mit dem Paradox von Wachstum und Armut zurechtzukommen."
(Bericht von Merdassa Kassaye)

Erfahrungen mit anderen teilen

Unsere Lehrerinnen und Lehrer aus den naturwissenschaftlichen Fächern nahmen kürzlich an einem Workshop an der Deutschen Botschaftsschule teil, initiiert von der Siemensstiftung. Als Geschenk gab es zwei große Experimentierkoffer. Umgekehrt besuchen in diesen Wochen vor Weihnachten dreimal hintereinander verschiedene Lehrer/innen- Gruppen aus Debre Markos und Nekemte die GCS, um von unseren Erfahrungen mit der Integration blinder und sehbehinderter Kinder zu lernen.

Einer ungewissen Zukunft entgegen

Ende Oktober wurden unsere ehemaligen Schüler/innen, die jetzt an anderen Schulen ihre 12.Klasse abgeschlossen haben, feierlich verabschiedet. Mit einem Koffer und Bettwäsche ausgerüstet gehen sie an die verschiedenen Universitäten des Landes, um ihr Studium aufzunehmen.

Der begehrteste Studiengang ist zurzeit das Ingenieurswesen. 70% aller Studierenden werden vom Staat in die naturwissenschaftlichen und technischen Bereiche dirigiert. Schon jetzt ist abzusehen, dass es für viele der späteren Studienabgänger keinen Arbeitsplatz geben wird, jedenfalls nicht in Äthiopien. Wer eben kann, möchte ins Ausland, nicht zuletzt wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten im eigenen Land.

Das nahende Jubiläum - werden wir wachsen?

Am 20. April nächsten Jahres, dem Wochenende nach dem äthiopisch-orthodoxen Osterfest, feiert die German Church School ihren 40. Geburtstag. Wer auch immer kommen kann, ist herzlich eingeladen mit zu feiern.
An diesem Tag wird die Botschafterin Frau Lieselore Cyrus zugleich die PASCH-Plakette verleihen - wir sind dann offiziell Partner-Auslandsschule mit dem Angebot des Deutschunterrichts.
Wie sehr wünschen wir uns, bis dahin auch mit der geplanten Erweiterung einen entscheidenden Schritt vorangekommen zu sein! Unser Antrag war zuletzt über den Sommer vier Monate lang verschwunden, bis er auf hartnäckiges Nachfragen hin plötzlich wieder auftauchte. Ato Taye, unser dienstältester Lehrer ist "behördenversiert" und fast täglich auf dem Amt, um unser Anliegen voranzutreiben.

Zwei neue Schüler im Rollstuhl

Seit diesem Schuljahr besuchen Mesay und Natenael die German Church School. Beide Jungen sitzen im Rollstuhl. Von Anfang an wurden sie von ihren Klassenkameraden voll akzeptiert und herzlich in die Schulgemeinschaft aufgenommen. Mittlerweile gibt es eine eigens gebaute Stahlrampe, damit die beiden ohne Probleme in ihren Klassenraum gelangen können.

Gott wird arm und macht uns reich

Frauen aus Äthiopien, der Schweiz und Deutschland verkaufen Kuchen auf dem Weihnachtsbasar der Deutschsprachigen GemeindeAn Im Herrnhuter Losungsbuch findet sich für den diesjährigen Heiligabend der schöne Satz aus dem Titusbrief: "Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen".
Den Menschen in Äthiopien und auch hier in Addis Abeba fehlt es oft am Nötigsten zum Leben, aber dennoch strahlen sie eine ganz eigene Würde aus. Dazu häufig auch eine Freude, etwa bei der Begegnung auf der Straße oder auf unserm Schulhof unter den Kindern der German Church School.
Gott selbst hat den Weg der Armut gewählt und ist als Kind im Stall von Bethlehem neu zur Welt gekommen. Die Hirten auf dem Feld waren die ersten, die das verstanden haben. Wie gut, dass auf Umwegen auch die mit Geschenken schwer bepackten drei Weisen ans Ziel gefunden haben.

In eigener Sache

Mitunter wird uns geraten, den Rundbrief doch per Mail zu versenden. Das wäre für uns jedoch verwaltungstechnisch weitaus aufwändiger als alle Briefe per Post auf den Weg zu bringen. Die Portokosten sind zurzeit noch geringer als eine solche Lösung.
Bitte teilen Sie uns mit, wenn sich Ihre Adresse ändert oder Sie diesen Rundbrief nicht mehr beziehen wollen. Auch bitten wir neue Spender ihre vollständige Adresse bei einer Banküberweisung anzugeben.
Immer wieder haben wir mit Internetproblemen und Stromausfällen zu tun, manchmal erreichen Mails uns nicht oder wir können sie nicht versenden. Bitte komprimieren Sie Fotos, wenn Sie sie als Mail-Anhänge schicken. Danke!

Anmerkung des Webmasters: Da der Rundbrief der GCS auch zeitnah nach Erscheinen desselben im Internet veröffentlicht wird, könnten Abonnenten ggf. auch auf die Zusendung per Post verzichten.

Haben Sie alle herzlichen Dank für Ihre Unterstützung und Begleitung! Wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und Gottes Geleit für das Neue Jahr 2012!

Ato Teklu Tafesse, Schulrektor und
Martin Gossens, Pastor

 
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