schon wieder ist ein halbes Jahr herum, und wie immer gibt es einiges von unserer Schule und von dem Leben hier zu berichten. Addis Abeba verändert stetig sein Gesicht, überall schießen Hochhäuser wie Pilze aus der Erde und es entstehen breite Straßen. Gegenüber unserer Kirche wird gerade die Schulbehörde der Stadt mit dreizehn Stockwerken hochgezogen. Davon unberührt geht das Leben der meisten Menschen hier unter viel Mühsal und mit ständig steigenden Lebenshaltungskosten weiter. Die German Church School bleibt bei allen Veränderungen ihrem Anliegen treu, Kindern aus sehr armen Familien der näheren Umgebung eine Chance für ihre Zukunft zu geben.
Projektarbeit mit Praxisbezug
Heute Vormittag haben einige besonders begabte Schülerinnen und Schüler zum Abschluss des Schuljahrs vorgestellt, was sie in den letzten Monaten in verschiedenen Projekten erarbeitet haben. So haben sie im Rahmen des Sozialkundeunterrichts eine Bio-Farm im Nachbarort Debre Zeit besucht und gleich einen Vorschlag für nachhaltige Energie an unserer Schule gemacht: Wir mögen doch für die GCS zehn Kühe anschaffen, die dann Biogas und zugleich 300 l Milch produzieren! Der an äthiopischen Schulen oft fehlende Praxisbezug war somit gleich hergestellt.
Integration geht weiter
Das Jahr begann wieder mit einem Ausflug unserer blinden und sehbehinderten Kinder und ihrer sehenden Partnerschüler. Die Reise ging diesmal nach Bahir Dar an den Tana-See weit im Norden. Ato Teshome, der Leiter des Integrationsprogramms unserer Schule hatte zuvor an drei Konferenzen teilgenommen, die von der Universität Karlsruhe initiiert und begleitet wurden. Es ging um die Herausforderung, blinden Jugendlichen auch Fächer wie Mathematik und Naturwissenschaften näherzubringen. Der 17-jährige Markos freut sich jetzt darauf, in der kommenden Woche an einem internationalen Jugendprogramm in Bologna/Italien teilzunehmen. So ist ein sehbehinderter Schüler der erste unserer Schule, der ins Ausland reisen darf.
Begegnung mit Partnerschülern
Umgekehrt ist das Reisen einfacher. Ende Februar kam wieder eine Gruppe von Jugendlichen des Friedrich-Ebert-Gymnasiums Sandhausen bei Heidelberg zum mittlerweile sechsten Sozialpraktikum nach Äthiopien. Sie kamen wieder hoch motiviert an unsere Schule. Auch unsere Elft- und Zwölftklässler hatten sich monatelang auf die Begegnung vorbereitet, vor allem mit einem Intensivkurs in Englisch, den meine Frau Sabine über das Schuljahr hinweg interessierten Jugendlichen anbietet.
Jugendliche stärken
Gemeinsam mit Merdassa Kassaye, unserm Sozialarbeiter, leitet sie auch das Projekt Jugendgottesdienst für die äthiopischen Jugendlichen. Fast jeden Freitag läuft in unserer Kirche ein vorwiegend amharischsprachiges Angebot für unsere Schülerinnen und Schüler sowie andere interessierte Jugendliche. Die 16-jährige Messai kommt regelmäßig von weither auf zwei Krücken angelaufen. Das Mädchen lebt in einer ärmlichen Hütte mit seiner Oma, die zu den sogenannten Fuel Wood Carrier Women gehört. Das sind Frauen, die täglich ungeheuer schwere Bündel von Brennholz aus den Eukalyptuswäldern der benachbarten Hügel in die Stadt schleppen und dort für wenig Geld verkaufen. Messai ist trotz ihrer Gehbehinderung ein sehr aufgewecktes und fröhliches Mädchen und wird mit ihrer positiven Ausstrahlung von allen bewundert.
Den Cup geholt
Diesen jungen Menschen dabei zu helfen, dass sie Selbstbewusstsein entwickeln und die Fähigkeiten entdecken, die in ihnen stecken, gehört zu den schönsten Aufgaben hier. Vor zehn Tagen hat unser GCS-Fußball-Mädchenteam bei einem Turnier auf dem Gelände der Deutschen Botschaftsschule den Pokal geholt. Als beste Spielerin des Tages durfte die kleine Mulubirhan ihn stolz aus der Hand der deutschen Botschafterin Frau Lieselore Cyrus entgegennehmen. Zum Auftakt der Frauenfußball-WM in Deutschland hatte die Botschaft fünf Schulen zu diesem originellen Wettbewerb eingeladen. Das Team der äthiopischen Frauennationalmannschaft war zum Anfeuern ebenfalls zugegen.
Kirchentag in Dresden
Jede/r von Ihnen hat seine/ihre eigene Geschichte, wie Sie mit der German Church School in Kontakt gekommen sind. Einige haben für eine Zeit hier in Äthiopien gelebt oder waren auf Reisen, andere sind durch Freunde auf unsere Arbeit aufmerksam geworden. Es ist nicht immer leicht, ohne Stützpunkt in Deutschland von hier aus alle bestehenden Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. So haben wir das Angebot der EKD wahrgenommen, unsere Auslandsgemeinde und vor allem unsere Schule auf dem Kirchentag in Dresden vorzustellen. Immer wieder kamen auch heimgekehrte ehemalige Gemeindeglieder aus Addis an den Stand und halfen mit aus, darunter unsere Vorgänger auf der Pfarrstelle Hans-Joachim und Gerlind Krause. Für Schul- direktor Ato Teklu war es seit langem das erste Mal, das er nach Deutschland kam. Unser Sozialarbeiter Merdassa hatte bereits vor drei Jahren ein EED-Kontaktstudium in Berlin zu interkulturellem Konfliktmanagement absolviert. Nach herzlicher Bewirtung durch die Dresdner Freunde hat das Viererteam noch eine Tour durch drei weitere deutsche Städte angeschlossen. In Berlin-Steglitz haben sie das Paulsengymnasium kennengelernt, in Stendal den Afrikakreis und die Rotarier und zum Abschluss in Braunschweig die Domgemeinde und ihr imposantes Gotteshaus. Allen Gastgebern sei an dieser Stelle noch einmal ein dickes Dankeschön für den herzlichen Empfang und die großartige Gastfreundschaft ausgesprochen!
Nachhaltige Elternarbeit
An diesem letzten Tag im Juni haben nicht nur die Schüler ihre Projekte präsentiert. Auch Maike Herbst aus Greifswald, Studentin der Politikwissenschaft in Münster und Twente/NL, hat nach intensiver Beobachtung und Mitarbeit an unserer Schule die Ergebnisse ihrer Studie in Sachen Nachhaltigkeit vorgestellt. Neun Wochen
lang war sie der Frage nachgegangen, welche bleibenden Auswirkungen die German Church School auf die Menschen der Umgebung hier hat. Es tut gut, wenn Leute mit dem Blick von außen kommen und ihre Einschätzungen mit uns teilen. So gab es viel Lob für die Arbeit unserer Schule, aber auch den Wunsch, die Eltern unserer Schüler noch stärker einzubinden. Oft wird ihre Armut als Vorwand genommen, dass man ihnen keine Aufgaben zumuten könne. Zwar sind bereits 45 % aller Abendschüler der GCS Eltern unserer Schülerinnen und Schüler, wodurch die betreffenden Familien enorm gefördert werden. Doch soll die Schule nicht nur etwas für die Eltern tun, sondern auch mit ihnen. Auch sie tragen Verantwortung und haben Fähigkeiten und Stärken, die im Alltag der Schule und bei ihrer Weiterentwicklung von großem Wert sind. Ein Schwerpunkt im neuen Schuljahr wird es sein, daran weiterzuarbeiten.
Deutsch als Fremdsprache
Mit dem neuen Schuljahr kommt eine weitere ebenfalls sehr schöne Herausforderung auf uns zu. Dank der Bemühungen von Goethe-Institut und Deutscher Botschaft sind wir seit neuestem in den weltweiten Verbund der sogenannten PASCH-Schulen aufgenommen, einer Initiative des Auswärtigen Amtes in Berlin. Als dritte "Partnerschule im Ausland" hier in Äthiopien und eine von ca. 1000 Schulen weltweit werden unsere Schüler ab September die Gelegenheit haben, Deutsch zu lernen. Die Botschafterin wird zum Schuljahresbeginn die Pasch-Plakette überreichen, die Mädchen und Jungen an der GCS werden dann mit einem weltweiten Netzwerk von deutsch lernenden Schülern im Ausland auch per Internet verbunden sein. Da vielen Kindern hier schon die eine Fremdsprache Englisch nicht leicht fällt, werden wir mit sprachbegabten Jugendlichen ab Klasse 6 beginnen und erste Erfahrungen sammeln. Deutsch wird dann zusätzlich zum äthiopischen Curriculum mit vier Wochenstunden angeboten.
Schulerweiterung steht noch aus
Somit bleibt unsere Kirchenschule immer in Bewegung, das bedeutet auch eine permanente Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer. An einer Stelle herrscht jedoch nach wie vor Stillstand. Seit fast vier Jahren bemühen wir uns intensiv um die Erweiterung der German Church School. Der Unterricht in Vormittags- und Nachmittagschicht soll durch ein Ganztagsangebot abgelöst werden, das auch den Richtlinien des Erziehungsministeriums entspricht. Allein acht Mal haben der Direktor und ich in den vergangenen fünf Wochen eine bestimmte Behörde besucht. Immer sind es neue Blockaden, die den Weg verstellen. Dazwischen trifft man auf hilfsbereite Beamte, die ihr Bestes tun. Geduld ist gefragt in einem Land, in dem vieles nach ganz eigenen Gesetzen verläuft. Dennoch hoffen wir darauf, im 40. Jahr des Bestehens unserer Schule endlich den Durchbruch zu erleben.
Abschiede und Verlängerung
Das Leben in einer Auslandsgemeinde ist immer wieder von Abschieden geprägt. Neben einigen anderen guten Freunden haben wir Bernhard Ehlert und Anne Braun mit ihren Familien verabschiedet. Die beiden haben sehr engagiert in unserm kleinen Kirchenvorstand mitgearbeitet und waren jeweils vier Jahre lang intensiv mit der Weiterentwicklung unserer Schule befasst, in unterschiedlichen Bereichen. Ohne dieses ehrenamtliche Engagement hier vor Ort sähe die Schule nicht so aus, wie sie es jetzt tut. Den beiden sei stellvertretend für die Vielen gedankt, die sich in den Jahren und Jahrzehnten vorher bereits eingebracht haben.
Unsere Zeit als Pfarrersleute hier in Äthiopien wäre nächsten Februar nach sechs Jahren ebenfalls um, jedoch haben Kirchenvorstand und EKD unserm Antrag auf Verlängerung um drei weitere Jahre zugestimmt, sodass wir - so Gott will und wir gesund bleiben - bis zum Frühjahr 2015 in Addis bleiben werden, wenn auch in reduzierter Familienzahl. Unsere drei "mitgebrachten" Kinder sind ab Sommer alle aus dem Haus, unsere hier dazugekommene Beza bleibt bei uns.
Ihnen allen sei, auch ganz ausdrücklich im Namen von Ato Teklu sehr herzlich gedankt. Einige von Ihnen konnten wir bereits persönlich kennenlernen. Voraussichtlich im April nächsten Jahres haben wir dann Grund zum Feiern: Das Jubiläum 40 Jahre GCS!
Zu Dank verpflichtet sind wir der Kindernothilfe in Duisburg und ihrem tatkräftigen Team, der Christoffel-Blindenmission sowie unserm finnischen Partner Interpedia. Aber auch Ihnen allen, die Sie mit kleinen und großen Gaben, mit Ihrem Gebet und mit ganz viel Engagement die German Church School unterstützen bzw. selbst dort Patenkinder haben.
Seien Sie alle ganz herzlich gegrüßt.
Ato Teklu Tafesse, Schulrektor und
Martin Gossens, Pastor
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