Die German Church School
Rundbrief vom Juni 2005
 
Liebe Freunde!
Zunächst möchten wir Sie herzlich grüßen aus dem unruhigen Äthiopien. Vor vier Wochen hatten wir zum ersten Mal in der Geschichte Äthiopiens wirklich demokratische Wahlen. Die Regierungspartei war plötzlich von einer starken Opposition herausgefordert. Letzte Woche kam es zu erheblichen Unruhen. Sie werden sicherlich in den Nachrichten etwas davon gehört haben. Denken Sie bitte im Gebet an Äthiopien, dass Frieden und Freiheit wachsen kann.

Frau Köhler im Ressourceroom für blinde KinderNoch im Dezember hatten wir den zweiten bedeutungsvollen Besuch in 2004.
Frau Eva Köhler, die Frau des Bundespräsidenten, besuchte unsere Schule und war wie viele Besucher aus Deutschland berührt von unserem Sozialprojekt. Besonders groß war Ihr Interesse an der Arbeit mit unseren 39 Blinden. Im Fachraum für NaturwissenschaftenIhnen und unserer ganzen Schule hat ihr herzliches Auftreten sehr gut getan.

Gerne möchten wir Sie wieder Anteil nehmen lassen an einem Problem in unserer Sozialarbeit, das besonders von unseren beiden Sozialarbeitern – aber auch von allen Lehrern – wahrgenommen wird. Die Probleme zu Hause in der Familie lassen sich mit gravierenden Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten kennzeichnen, oft versursacht durch Trennung oder Scheidung der Eltern. Das alles belastet natürlich die seelische Gefühlswelt des Kindes oder Jugendlichen und wirkt sich nicht gut auf das Lernverhalten aus.

Als Schule versuchen wir zu helfen, indem wir mit Eltern und Schülern nach praktikablen Lösungen gemeinsam suchen. So müssen wir auch immer wieder die Elternteile, die ja aus den ärmsten Verhältnissen kommen, erinnern, dass sie mehr Verantwortung für die erzieherischen und ethischen Aufgaben übernehmen sollten. Damit das Verhalten der Kinder sich verbessern kann, müssen wir alle notwendigen Aktivitäten wie Beratung, Hausbesuche, Diskussionen mit Lehrern ausschöpfen.

BinyamBinyam A. ist ein Beispiel für viele.
Er ist 10 Jahre alt und kommt aus einer geschiedenen Familie. Sein Vater hat sich wegen religiöser Konflikte von der Familie getrennt, weil seine Frau von der Orthodoxen Kirche zu einer Evangelischen Kirche übergetreten ist.
Religiöse Konflikte können eine der Gründe für Scheidungen sein. Oft sind sie auch nur ein Vorwand, weil man die persönlichen Probleme nicht lösen kann.

Die Sozialarbeiter haben oft bei Binyam A. Hausbesuche gemacht, um die schwierige Situation zu begleiten. Der Vater ist sehr aggressiv geworden und hat der Familie das Haushaltsgeld drastisch gekürzt. Nachdem er seine Frau aus dem Haus vertrieben hatte, ging sie zum Gericht. Doch durch Vermittlung von Bezirksälteste – das ist in Äthiopien dann rechtskräftig - kam für kurze Zeit eine Beruhigung zustande.
Aber die Streitigkeiten und Unterdrückungen steigerten sich. Eines Abends kam er spät abends betrunken nach Hause. Nach großen Streitigkeiten schlug er sogar seine Frau und Kinder.
Das alte Haus von Binyams Familie Binyam mußte wieder mit ansehen, wie seine Mutter aus dem Haus geworfen wurde und die Alkoholprobleme seines Vaters zunahmen. Durch eine längere Zeit der Trennung von der Mutter brach für ihn und seine Geschwister eine noch schlimmere Leidenszeit an.
In Äthiopien ist Geduld eine sehr hohe Tugend. So wird immer wieder versucht, die Familie zusammen zu halten. Binyam ist so froh, dass endlich nach vier Wochen die älteste Schwester, 19 Jahre alt, sich entschlossen hatte, nachdem sie vom Vater wiederholt geschlagen wurde, mit allen Geschwistern zur Mutter zu ziehen. Die hatte in der Zwischenzeit ein 2-Zimmer-Lehm-Häuschen gemietet.
Aber wer zahlt die Miete? Wer kommt für die Nahrung und den täglichen Unterhalt auf? Probleme über Probleme türmten sich auf.

Binyams FamilieEndlich nach drei Monaten hat das Gericht die Scheidung beschlossen und damit eine gerechte Aufteilung des Haushalts.
Zur Steigerung der fatalen Situation beschloß der Vater eines Nachts, das Haus mit allen Gegenständen zu zerstören. Bevor die Polizei eintraf, hatte er für immer die Wohngegend verlassen.
Wiederum mit Hilfe unserer Sozialarbeiter und finanzieller Hilfe der German Church School wurde das Haus renoviert, die dringendsten Haushaltsgegenstände erstanden und vor allem geholfen, das Trauma Binyam´s und seiner Geschwister zu bearbeiten.
Die Mutter arbeitet mittlerweile in der Evangelisch-Lutherischen Mekane Yesus Kirche und verdient ca. 20 Euro monatlich, um für die Kinder zu sorgen. Nachdem ihr so viel geholfen wurde, ist sie auch ehrenamtliche Mitarbeiterin für soziale und geistliche Fragen geworden. Eine wirklich couragierte Frau, die nun anderen zum Segen wird. Binyam und seine Geschwister sind jetzt auf einem guten Weg. Es geht ihnen wirklich gut.

Dies ist ein drastischer Fall. Nicht jede Schwierigkeit in Familien unserer Kinder verläuft so dramatisch. Aber gemäß der Tugenden "Geduld" und "Stillehalten" wird oft zu lange gewartet.

Es ist sehr hilfreich, dass unsere LehrerInnen und SozialarbeiterInnen schon ganz gut mit Konflikten umgehen können. Aber dazu braucht es immer wieder Fortbildungen. Kürzlich hatten wir ein Seminar für unsere Lehrkräfte zum Thema: Psychologie des Kindes, Konflikt-Management, Interaktives Lehren und Lernen.
Professoren von der Universität in Addis Ababa haben dieses Seminar sehr vielversprechend gestaltet. Die praktische Umsetzung wird sehr bald vollzogen.

Natürlich hätten wir Ihnen auch einen ganz anderen Bericht geben können über das gute bis sehr gute erfolgreiche Abschneiden unserer SchülerInnen in allen Abschlußprüfungen, besonders auch in den staatlich vorgegebenen Examen nach der 8, 10. und 12. Klasse. Aber wir denken, dass wir ausreichend in den letzten Briefen darüber informiert haben. Sie werden das nicht vergessen haben.

Last but not least möchten wir uns bei Ihnen sehr herzlich für alle Unterstützung bedanken, die Sie uns wieder gegeben haben. Ohne sie könnten wir nicht existieren.
Es wäre schön, wenn wir auch in Zukunft in Verbindung bleiben würden. Immer wieder kommen Briefe zurück mit dem Vermerk: unbekannt verzogen. Bitte teilen Sie uns im Falle eines Umzuges Ihre neue Adresse mit.

Für heute wünschen wir Ihnen persönlich alles Gute und Gottes Segen

Ihre

Ato Teklu Tafesse, Direktor und
Hans-Joachim Krause, Pastor

 
Guestbook Email
  

  • Zurück
  • Hoch zum Seitenanfang