Die German Church School von Januar bis Mai 2004
 
Liebe Freundinnen und Freunde der GCS!

Kanzler Gerhard Schröder in der German Church School

Zuerst ungläubiges Staunen. Der Kanzler will die Kirchenschule besuchen, als einziges Spozialprojekt während seines 21stündigen Aufenthalts in Äthiopien? Man munkelt, so sei die Auswahl im Kanzleramt getroffen worden. Welche wohlmeindenden Geister bescheren uns diese Ehre...?

Dann wird's konkret. Vorbereitungsteams aus Deutschland, Sicherheitsbeamte, Protokollabklärung mit der Botschaft.
Es ist Timkat am 19. Januar 2004, dem Tag des Kanzlers in Äthiopien, höchstes orthodoxes Kirchenfest mit hunderttausenden Gläubigen, die mit Abuna Paulos, dem höchsten Würdenträger der Kirche an der Spitze, direkt durch unsre Strasse aufs benachbarte Jan-Meda-Feld ziehen und die Taufe Jesu durch Johannes in prunkvollen und heiligen Zeremonien feiern. Wie soll Schröder durch die Massen aufs Kirchengelände kommen?

Dann ist alles ganz einfach. Plötzlich, innnerhalb 5 Minuten, verändert sich das Strassenbild. Nach rechts wogen noch die weißgekleideten händehebenden singenden Menschen auf voller Breite dahin, nach links, zur Haupstrasse hin, gähnende Leere. Soldaten mit Gewehr im Anschlag säumen beide Seiten. Es ist wirklich total still. Hinterm Tor unsre Angestellten, Kameras bereit, ebenso das äthiop. Fernsehteam (ETV) und die offiziellen Sicherheitsbeamten beider Länder.

Im Schulhof dagegen: aufgeregte Freude bei 200 in Schuluniform plazierten Schüler/innen unterm riesigen lichtweißen Zeltbogen im Innenhof, dekoratives Warten unsrer Kaffeezeremonie-Damen (Kassech und Sara vom Schulbüro, Senait, unsre Köchin und Hanna, einer Putzfrau) auf dem mit Gras und Blumen ausgelegten Vorplatz. Traumhaftes Kaffeearoma mischt sich mit Weihrauchduft.
Die gesamte Ästhetik ist äthiopisch elegant: Lehrer und Lehrerinnen zum Teil in Traditionskleidern, der Schülerchor malerisch in Weiß mit grün-gelb-roten Stirnbändern, Schülergemälde hängen an den extra neu gestrichenen Innenhofwänden, festliche Menschen auch überall auf den umlaufenden Balustraden des gesamten 1. Stockwerks. Jürgen Schober von der Deutschen Botschaftsschule steht am Mischpult bereit, das uns die Schule freundlicherweise für heute ausgeliehen hat.

Bundeskanzler SchröderSchröder kommt. Die schwarze Staatslimousine biegt so schnell durchs Tor, daß der Kanzler schon umringt von den Sicherheitsleuten vor der Kirche steht, bevor alle 16 Wagen eingetroffen sind.
Der Tross aus ARD, ETV, Protokoll und Bodyguards plus Direktor Ato Teklu, Pastor Krause und Angestellten bewegt sich schnell bis in den Durchgang zur Schule, wo der Pastor dem Kanzler ein kurzes briefing über Geschichte der Kirche und Schule gibt.
Es war die Kandake vor über 150 Jahren, kein Handels- oder Kriegsschiff, sondern das Schiff, das die norddeutschen Hermannsburger Missionare nach Äthiopien bringen sollte, die die Grundlagen für die Existenz der deutschen Gemeinde seit 75 Jahren eröffneten.

Der Kanzler staunt, ist interessiert. Dann schlägt ihm die Realexistenz der seit 32 Jahren bestehenden Schule entgegen. Trommeln und rhythmischer Gesang samt Kehlenlalila begleiten seinen Einzug in den Schulhof, der Platz wogt mit Bewegung. Der Troß ist auch bewegt, viele lächeln und schauen sich richtig um, der Kanzler freut sich echt.
Er nimmt, noch vom Schülerchor begleitet, samt Botschafterin Helga Dr. Gräfin Strachwitz und seinem vertrauten Begleiter Henning Scherf in der ersten Reihe Platz und führt die kleine Kaffeeschale zum Mund, mit einem anerkennenden Kopfnicken zu Senait und Hanna, die ihn zubereitet haben. Ja, der äthiopische Kaffee ist der beste der Welt...

Direktor und Pastor informieren die Besucher über Entstehung und Programm der äthiopischen Regelschule aus kleinsten Sozialhilfe-Ansätzen, über das Patenschaftssystem mit Kindernothilfe, Interpedia Finnland und Gemeindepatenschaften (GF), über die Zukunftsaussichten der älteren Schüler nach der 10.Klasse oder dem Abitur.
Dann spricht Ashebir Getahun, einer von den Ehemaligen: Er ist durch Polio im Kleinkindalter stark körperbehindert.
"250 m von der Hütte zur Schule sind eine weite Strecke für ein Kind, das nicht laufen kann," sagt er. Seine Mutter, verbittert über sein Schicksal, habe ihn zur Schule getragen und dem Direktor weinend vor die Füße gelegt. "German Church School hat mich nicht nur Lesen und Schreiben gelehrt. Die Lehrer waren mehr als Lehrer, sie waren meine Vorbilder, Väter und Mütter. Sie haben mir meine Menschenwürde zurückgegeben."
Nach einem Verwaltungsfachstudium arbeitet der 28jährige bis dato in einer Versicherungsgesellschaft. Sein Weg ist noch nicht zu Ende: Er wird bald sein arbeitsbegleitendes Studium als Informatiker abschließen.

Ein Schicksal, stellvertretend öffentlich gemacht für viele andere. Die Zeitungen in Deutschland werden schreiben, dass der Kanzler sich mit dem Finger über die Augen wischte. Ja, er nimmt den jungen Äthiopier in den Arm und spricht einen Moment mit ihm. Später antwortet Schröder in der Deutschen Welle Südafrika auf die Frage eines Journalisten, was ihn auf seiner Afrikareise (Äthiopien-Kenia-Südafrika-Ghana) am meisten beeindruckt habe: Die German Church School in Addis Ababa. Er hatte nicht vorgehabt, eine Rede zu halten, aber er geht zum Pult:"Es ist beeindruckend zu sehen, wie Sie aus so Wenigem so viel für so Viele tun. Dies Beispiel zeigt, dass jeder nicht nur ein Recht auf Bildung hat, sondern auch die Fähigkeit dazu." Und: "Ich habe gehört, dass Sie eine Turnhalle hinter der Mauer bauen. Dazu geben wir Ihnen einen kleinen Beitrag von 15.000 Euro. Und wenn noch Turngeräte fehlen - ich werde mich gern dafür einsetzen."

KinderBlinde Schüler/innen singen mit dem Licht von Kerzen in ihren Händen und viel Pep im Rhythmus. "God is good, he is so good to me."
Sie haben vielfach die besten Ergebnisse bei den zentralen staatlichen Schulexamina. Auch sie werden eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, denn erstaunlicherweise schreibt die Gesetzgebung eine Quote für die Beschäftigung von Blinden auf dem Arbeitsmarkt vor.

Noch ein kurzer Rundgang durch die Schule, eine 13jährige GCSlerin, die Schröder eins ihrer wunderbaren Bilder für seine Tochter mitgibt, viel Kontakt mit Schülern.

Der Troß drängt, die Sicherheitsbeamten auch. Schröder fährt direkt von hier zum Flughafen. Aber dann gibt's doch noch kein grünes Licht zur Abfahrt, der Kanzler steigt wieder aus und hat, auf Vorschlag der Botschafterin, sogar noch Zeit, die Kirche zu besichtigen. "Wieviel Leute kommen hier zum Gottesdienst?" "So 50, 60," antwortet der Pfarrer. "Regelmäßig?" "Ja. Und hinterher bleibt man immer noch lange zusammen."

Aufs Stichwort sitzen alle blitzesschnell in den Autos, der Troß setzt sich in Bewegung. Ehrfürchtig schauen die Anwohner den knalligen Bremslichtern der Staatskarosse hinterher. Wir bleiben alle zurück, etwas fassungslos und ziemlich sprachlos.

Auf dem Schulhof dagegen springt alles durcheinander. Die Schüler essen Brötchen und füttern auch ihre Lehrer. Das macht man so in Äthiopien, wenn man sich gern hat. (G.K.)
Der Besuch des Kanzlers war natürlich sehr werbewirksam und hat unserer Schule gut getan. Doch schnell hat uns der Schulalltag wieder eingeholt. Nach diesem Höhepunkt möchten wir Ihnen aber auch noch das normale Leben von Meskerem Sheferaw vorstellen.

Meskerem Sheferaw:
MeskeremMeskerem lebt mit ihren Eltern und vier weiteren Geschwistern in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern. Da die Unterkunft vom Staat vermietet wird, ist die Miete sehr niedrig. Aber die Behausung ist sehr alt und in einem schlechten Zustand. An eine Hausmauer grenzt die Toilette der Nachbarn, was zur Geruchsbelästigung und zu Gesundheitsproblemen führt. Aber für Meskerems Familie gibt es kaum eine andere Möglichkeit in eigenen vier Wänden zu wohnen, da nur wenig Geld für die Miete vorhanden ist.
Meskerems Vater verdient als Tagelöhner, wenn er Arbeit findet, sehr wenig. Ihre Mutter trägt zum Einkommen bei, indem sie Injera, den traditionellen Fladen, bäckt und an andere Leute verkauft. Aufgrund der hygienischen Verhältnisse ist sie allerdings häufig krank. Dann fällt ihr Beitrag weg.
Die beiden Schwestern von Meskerem haben die Schule beendet. Da sie ebenfalls Geld mitverdienen müssen, suchen sie sich Gelegenheitsjobs, z. Bsp. indem sie die Wäsche in der Nachbarschaft waschen. Doch auch ihr Gehalt ist minimal und für eine Ausbildung bleibt keine Zeit. Ihre Brüder gehen wie Meskerem noch zur Schule.

Obwohl sie einen langen Schulweg hat-sie ist ca. eine halbe Stunde unterwegs-kommt sie gern zur Schule. Dann kann sie mit ihren Freundinnen zusammen sein, denn sie müssen alle zu Fuß gehen, da sich die Familien keinen Transport leisten können.
Jetzt ist sie in der 2. Klasse . Trotz der vorher geschilderten häuslichen Situation gelingt es Meskerem in der Schule am Ball zu bleiben. Mathematik gefällt ihr am besten. Später möchte sie Lehrerin oder Ärztin werden.

Als neunjähriges lebhaftes und aufgewecktes Mädchen hat Meskerem viele Freunde in der Schule und in ihrem Viertel. Gerne spielt sie mit ihnen zusammen - z. Bsp. Seil springen. In ihrem Wohnviertel allerdings haben sie kaum Platz zum Miteinanderspielen, denn die Wohnungen liegen eng beieinander und haben keinen Garten. Auch die Wege dazwischen bieten kaum Spielfläche für die Kinder.

Wie alle ihre Freundinnen trägt Meskerem ihren Teil zum Haushalt bei: Sie hilft ihrer Mutter beim Tee- oder Kaffeekochen und wäscht ihre Schuluniform und ihre Kleider selbst.
Ein besonderes Ereignis stellen die religiösen Feiertage dar. An diesen Tagen kommen die Familienmitglieder zusammen, unterhalten sich und essen miteinander. Meist gibt es Doro wot (Hühnchen mit sehr scharfer Soße und Injera), ein besonders festliches Essen für Meskerem und ihre Familie.
Da sich die Familien gegenseitig besuchen, ist dies eine Gelegenheit, Neuigkeiten von weiter entfernten Verwandten zu erfahren. Meskerem selbst bekam zu Ostern ein neues Kleid, das sie stolz den anderen zeigte. Ein weiterer Höhepunkt am Ostersonntag war der Film, der im Versammlungsraum des Stadtvietel gezeigt wurde und den Meskerem mit ihren Freundinnen ansehen durfte.
So sind es hier in Äthiopien diese Anläße, die Entspannung im Alltag garantieren und die Lebensfreude immer wieder ermöglichen.

An dieser Stelle sprechen wir unseren Dank für Ihr regelmäßiges und hilfreiches Engagement als Paten oder SpenderInnen aus. Ohne diese Unterstützung wären viele Aktivitäten an der Schule für die Kinder nicht möglich.

Wieder möchten wir die obligatorische Bitte aussprechen: Bitte teilen Sie uns im Falle eines Umzuges Ihre neue Adresse mit. Ansonsten kommt alle Post an uns zurück.
Es wäre schade, wenn die direkte Verbindung zwischen Ihnen und uns deswegen abbräche. Auch wenn bei Überweisungen Ihre Adresse unvollständig ist, haben wir keine Möglichkeit, Ihnen zu danken.

Zuletzt möchten wir Ihnen mitteilen, dass sich die Telefonnummern geändert haben. So sind wir jetzt unter folgenden Telefonnummern 0251-1-22 00 60 oder 23 44 52 und unter der Faxnummer 0251-1-22 30 82 zu erreichen.
Die beiden email-Adressen lauten: german_church@yahoo.co.uk und gcschool@telecom.net.et

Für heute grüßen wir Sie herzlich, wünschen Ihnen alles Gute und Gottes Segen

Ihre

Ato Teklu Tafesse, Direktor und
Gerlind und Hans-Joachim Krause, Pastor

 
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