Die German Church School von Januar bis Mai 2003
 
Liebe Freundinnen und Freunde der GCS!

Mit dem Monatsspruch für den Monat Mai "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob" möchten wir Sie herzlich grüßen.

Immer wieder kommt es vor, dass Pateneltern über den tatsächlichen Kontakt mit "ihrem" Kind enttäuscht sind.
Dazu möchten wir gern im Vorfeld einige Informationen an Sie weitergeben, die helfen sollen, die großen Verschiedenheiten des Lebens hier und in Deutschland zu erklären - oft die Quelle der Enttäuschungen.

Ihr Kind wird Ihnen, vom Klassenlehrer geleitet, ein- bis zweimal im Jahr schreiben. Diese Briefe werden Ihnen vielleicht stereotyp vorkommen, doch das Kind schreibt Ihnen persönlich und jedesmal neu.
Es ist nur so, dass es, aus ärmsten Verhältnissen kommend, fast nichts Neues aus seinem persönlichen Leben berichten kann.
Es geht zur Schule, geht "nach Hause", wie immer die Umstände sein mögen, versucht dort, Hausaufgaben zu machen und muss im übrigen viel zur Hausarbeit beitragen. Um 18.30 ist es dunkel, dann geht es bald zu Bett und steht sehr früh wieder auf, denn auch wenn die Schule zu Fuß zu erreichen ist, müssen viele Kinder ca. 2-4 km laufen.

Ihr Kind kennt keine Hobbies, Familienausflüge, Wochenendprogramme oder Kinderfreundschaften in dem Sinn, dass man sich täglich zum Spielen verabredet. In den Familien wird weder Geburtstag noch Weihnachten gefeiert.

Vieles, worüber ein europäisches Kind schreiben könnte, fällt einfach weg. Dies alles ist normal und kein Grund, traurig zu sein, im Gegenteil, die Kinder sind immer sehr fröhlich und sind sich ihrer Chance auf Erziehung bewusst.
Nur fallen ihre Briefe dementsprechend aus: Sie drehen sich um die Fächer und die Noten und die grundlegenden Familienumstände. Diese ändern sich manchmal dramatisch schnell. Ein Kind, das vor einem halben Jahr noch mit Mutter und Geschwistern gelebt hat, kann innerhalb dieser Zeit durch den Tod der Mutter verwaist und bei einer Tante untergekommen sein (die Zahl der "Aids-Waisen" steigt).
Oder ein Kind lebt zur Zeit der Registrierung bei Vater und Stiefmutter und schreibt im nächsten Brief, dass es nun mit Mutter und Geschwistern lebt (der Vater hat das Kind zur leiblichen Mutter zurückgeschickt).
Oder ein Kind hat keine Mutter und lebt bei den Großeltern in der Hütte, bis nach einigen Schuljahren plötzlich die Mutter auftaucht, von deren Existenz die Großeltern nie sprachen.

Für Sie mögen diese Verhältnisse fast unglaubhaft sein, aber wir bemühen uns, Sie immer rechtzeitig von großen Veränderungen im Leben des Kindes in Kenntnis zu setzen.

Und noch etwas: S I E fühlen sich diesem Kind recht nahe, der Alltag des K i n d e s aber wird von seiner Gegenwart bestimmt, in der die Lebensformen der westlichen Welt einfach unvorstellbar sind und eher diffuse Vorstellungen hervorrufen.
Bitte denken Sie daran, wenn Ihnen die Briefe manchmal "unpersönlich" erscheinen. Gerade deshalb danken wir ihnen nochmals von ganzem Herzen für Ihr Engagement und ihre Bereitschaft, Leben positiv zu verändern. Die Schule hat zwei Sozialarbeiter, die die Lebensumstände der Kinder regelmäßig prüfen und zusammen mit den Lehrern Hausbesuche machen, besonders in Problemfällen. Das sind Merdesa (männlich) und Rahel (weiblich), aus deren Arbeit wir Ihnen die Portraits zweier Kinder vorstellen möchten.

Yared S., 13 J. alt:

yared Yared hat sehr früh seine Eltern verloren. Heute, im Alter von 13 Jahren,lebt er mit seinem Bruder, seiner Schwester und deren 2-jährige Tochter in einem kleinen Häuschen zusammen.
Yareds Vater, der als Kellner im Palast des Präsidenten gearbeitet hat, starb 1998 aufgrund einer Infektion durch verunreinigtes Wasser. Doch schon vorher sah Yared seinen Vater nur sehr selten, denn seine Eltern lebten getrennt. Gelegentlich kaufte ihm sein Vater von seinem schmalen Gehalt Kleidung.
Seine Mutter, die das Geld für den Lebensunterhalt der Familie als Tageslöhnerin verdiente, verlor letztes Jahr bei einem Verkehrsunfall auf dem Weg zur Arbeit ihr Leben. Seine Schwester ist zwar verheiratet, aber der Ehemann hat sie nach der Geburt der Tochter verlassen.
Deshalb leben alle vier Familienmitglieder von der monatlichen Unterstützung, die Yared durch die Patenschaft der GCS erhält. Das Häuschen, in dem sie wohnen, besteht aus einem Raum ohne Fenster und aus einer kleinen Veranda. Die Wände sind schief, das Dach undicht. Im einzigen Zimmer spielt sich das ganze Leben der Familie ab. So hat Yared keinen Ort zum Lernen. Gemeinsam schlafen sie in e i n e m wackeligen Bett mit durchgelegener Matratze und zerschlissener Bettwäsche.
Manchmal gibt es Schwierigkeiten mit den Nachbarn direkt nebenan, denn sie teilen sich nur ungern mit Yareds Familie die Küche, die beide Parteien benutzen dürfen. Dann wird in dem Zimmer, in dem sie sich aufhalten und schlafen, auch noch gekocht.
Trotzdem ist Yared ein fröhlicher und gut aufgelegter Junge. Nur manchmal, wenn er an seine Mutter denkt, wird er traurig. Doch mit seinen Freunden, die den gleichen Schulweg wie er haben, vergisst er bald seine Traurigkeit. Die meiste Zeit verbringt er mit einigen guten Freunden: Sie helfen sich gegenseitig beim Lernen und spielen häufig in der Pause miteinander.
Yared, der jetzt in der 6. Klasse ist, mag die naturwissenschaftlichen Fächer und am liebsten hat er Biologie (Geografie). Zudem engagiert er sich sehr im "Child Confession Club", wo er gern und eifrig über Kinderrechte diskutiert. Wie alle unsere Kinder hat er ein hohes Ziel: Er möchte Arzt werden…
 

Asrat T., 11 J. alt:

Asrat

Die 11-jährige Asrat ist jetzt in der dritten Klasse. Sie ist die einzige der drei Jungen und drei Mädchen der Familie, die die GCS besucht.
Asrats Eltern arbeiten beide. Ihr Vater verdient als Wächter im Monat ungefähr 16.50 Euro, was für eine Familie von 8 Personen bei weitem nicht ausreicht. Ihre Mutter bezieht ein sehr unregelmässiges Einkommen, denn als Waschfrau hat sie Arbeit nur bei Bedarf. Wenn sie dabei 5 Euro monatlich verdient, ist sie glücklich.
Asrat trägt die größte Last der Hausarbeit, weil sie die älteste der Schwestern ist. Sie muss alle anstehenden Hausarbeiten erledigen, nur das Backen von Injera (großer dünner Fladen aus Teff, dem ortsüblichen Getreide, der mit Gemüse- oder Fleischsoßen oder ohne alles gegessen wird) besorgt ihre Mutter. Da sie dazu aber Holz benötigt, schleppt Asrat fast jeden Tag eine schwere Holzladung von 40 Kg auf ihrem Rücken ca. 2 km nach Hause. Zudem muss sie ein- bis zweimal täglich von der nächsten öffentlichen Wasserstelle das Wasser holen-ein weiter Weg bis dahin.
Asrat wirkt durch ihren Gesichtsausdruck und ihre abgetragene Kleidung unglücklich und auch vernachlässigt. Aber sie ist gern mit ihren Freundinnen zusammen und verbringt mit ihnen die Pause sehr lebhaft.
Im Unterricht dagegen ist sie eher zurückhaltend. Durch die viele Hausarbeit gelingt es Asrat nicht immer rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn da zu sein. Nichtsdestotrotz hat sie ein ehrgeiziges Ziel, denn sie möchte Ärztin werden… Wir wollen jedenfalls alles tun, damit ihre Ausbildung zu einem eigenständigen Beruf führt.

 
Die beiden kurzen Skizzen zeigen Ihnen schon eien wesentlichen Teil des Arbeitsprofils unserer beiden Sozialarbeiter, dessen größter Bereich die Beratung und Begleitung der Schüler/Innen. Bedingt durch die schwierigen Lebensbedingungen der Familien entstehen sehr viele Probleme: Eltern ziehen sich aus der erzieherischen Verantwortung zurück, es kommt in den Familien, die auf sehr beengtem Raum leben, neben körperlicher Gewalt, sexueller Belästigung und Missbrauch auch zu psychischer Gewalt. Gesundheitliche Probleme zeigen sich durch die mangelnde Hygiene und die einseitige Ernährung.
Sozialarbeiter So kommen die betroffenen Schüler/Innen oder ihre Freunde zu Rahel oder Medersa und bitten sie um Rat. Oftmals schliesst sich daran ein Hausbesuch an, bei dem ein genauerer Einblick in die Situation gewonnen, über die Probleme in der Familie gesprochen und nach einer Lösung gesucht wird.
Ein Tag pro Woche ist regelmäßig für Hausbesuche reserviert. So können zu Beginn des neuen Schuljahres die genauen Verhältnisse der neuen Schüler/Innen eingeschätzt und gleichzeitig immer wieder genauere Kriterien für die Auswahl und Aufnahme der Erstklässler erstellt werden.

Wichtig ist auch, dass die Schüler/Innen, die eine Ausbildung oder ein Studium begonnen haben, regelmäßig besucht werden, denn die meisten leben ohne elterliche Unterstützung. Konkrete Hilfe bei der medizinischen Versorgung, monatliches Taschengeld, Miet- und Nahrungsmittelzuschüsse sowie Schulmaterialien reduzieren die Gefahr "schnellen Geldes" (Prostitution, Kriminalität).

Im Schulalltag selbst übernehmen Rahel und Medersa den Ethikunterricht für alle Klassen. Einmal pro Woche hält einer von beiden die morgendliche Andacht. Beide organisieren den Anti-Aids-Club. "Mini-Media" - kurze Ansprachen oder Filme zum Thema - klären in den Pausen über die HIV-Infektion und Aids auf und sind Grundlagen der Club-Diskussionen.
Unter ihrer Regie entstehen mit talentierten Schüler/Innen Theaterstücke zu dem Thema Aids, um das Bewusstsein bei den Mitschülern zu wecken. Äthiopien zählt inzwischen nach Südafrika und Botswana zu den am stärksten von Aids betroffenen Ländern.
Rahel und Medersa sind Anlaufstellen für Lehrer und Schüler, wenn ihnen eine Veränderung von Schülern oder Freund/Innen auffallen. Ihre Nähe zu den Jugendlichen, die vielfältigen Tätigkeiten der beiden Angestellten im Sozialbereich und ihre enge Zusammenarbeit mit den Lehrern ermöglicht es, Gefährdungen schneller zu erkennen und Hilfe im Ansatz des Problems zu leisten. So versuchen wir, Schulabbrüche möglichst gering zu halten. Dennoch erleben wir immer wieder, dass plötzliche kurze Krankheiten schnell zum Tod führen, wie im Falle eines Jungen und eines Mädchens im vergangenen Halbjahr (Herztod und Lungenentzündung).
 
Zum Schluß möchten wir Ihnen herzlich danken, denn Sie haben uns als Paten und Spender/Innen großzügig und zuverlässig unterstützt. Unsere Schule lebt nur von Spenden aus Europa und den Aktivitäten der Deutschsprachigen Gemeinde vor Ort. Vielen Dank auch dafür, dass Sie den monatlichen Beitrag auf 26,- oder sogar 30,- Euro erhöht haben.

Einige haben darüber hinaus sogar noch für unsere an Weihnachten ausgerufene Hungerhilfe gespendet. Dieses Geld haben wir an einen betroffenen Arbore-Stamm im Süden Äthiopiens weitergeleitet, der von der Welthungerhilfe nicht erfaßt war.
In vielen Teilen Äthiopiens hat es inzwischen geregnet, so dass nur noch kleine Gebiete von Lebensmittel-Knappheit betroffen sind.

Wieder möchten wir die obligatorische Bitte aussprechen:
Bitte teilen Sie uns im Falle eines Umzuges Ihre neue Adresse mit. Ansonsten kommt alle Post an uns zurück. Es wäre schade, wenn die direkte Verbindung zwischen Ihnen und uns deswegen abbräche. Auch wenn bei Überweisungen Ihre Adresse unvollständig ist, haben wir keine Möglichkeit, Ihnen zu danken.

 

Für heute grüßen wir Sie herzlich, wünschen Ihnen alles Gute und Gottes Segen

Ihre

Ato Teklu Tafesse, Direktor und
Hans-Joachim Krause, Pastor

 
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