Die GCS von Januar bis Mai 2001

Liebe Freundinnen und Freunde der GCS!

Schon wieder sind fünf Monate ins Land gezogen. Die ersten Monate verliefen ruhig und in geordneten Bahnen. Das Lehren und Lernen machte allen offensichtlich Freude. Durch einige freie Spenden konnten wir langersehntes Lehrmaterial anschaffen, so daß eine positive Entwicklung im Schulalltag zu sehen ist.

Jedoch gab es nun vor einigen Wochen schwere Unruhen, besonders in Addis Abeba, ausgehend von einer Forderung der Studenten an die Regierung, die dauerhaft auf dem Campus stationierte Polizei abzuziehen und durch Civil Servants zu ersetzen. Bei den Demontrationen haben die vielen arbeitslosen Jugendlichen und Hooligans die Gelegenheit ergriffen, die Geschäftsviertel der Stadt zu plündern, was fast 50 Tote gekostet hat. Es herrscht große Trauer.
In den darauffolgenden Tagen sind tausende Studenten und Oberschüler wahllos von der Straße aufgegriffen und in Polizeicamps außerhalb der Stadt gebracht worden.

Eine Schülerin mit Familie vor ihrem Haus Auch Oberschüler und Studenten der GCS sind betroffen. Wie durch ein Wunder sind manche nur mit einem Schrecken davongekommen. Es ist aber niemand verletzt oder gar getötet worden.

Doch inzwischen geht der Schulbetrieb normal weiter.

Das letzte Mal berichteten wir über unsere zwei neueingestellten Sozialarbeiterinnen. Die Basisarbeit mit den Familien ist sehr gut angelaufen. Viele Kontakt konnten geknüpft werden. Damit Sie sich ein besseres Bild vom Leben der SchülerInnen machen können, haben die SozialarbeiterInnen einen Schüler exemplarisch für alle herausgegriffen.

Anteneh

Anteneh ist 14 Jahre alt. Er besucht seit sieben Jahren die GCS und wiederholt gerade die 6. Klasse. Obwohl er im Augenblick schlechte Leistungen aufweist, fördern die Lernbedingungen der Schule seine Entwicklungschancen: kleine Klassengrößen - 45 statt der sonst in äthiopien üblichen 100 Schüler - und eine persönliche, intensive Betreuung durch LehrerInnen, die ihm ein hohes Maß an individueller Zuwendung, sozialpädagogische Gruppenarbeit und seiner Familie eine gute Beratung zukommen lassen.

Antenehs Alltag und sozialer Hintergrund ist für viele SchülerInnen der GCS typisch. Mit seiner Familie, der Mutter und den beiden Brüdern, 17 und 10 Jahre alt, lebt er in einem der Armenviertel, die die Schule umgeben - im Wesentlichen von den 65 äthiopischen Birr (ca. 16 DM), die die Schule als Unterstützung an die Familien der Schulkinder zahlt. Einen Vater hat Anteneh nicht mehr. seit dieser vor Jahren in den Militärdienst gegangen und nie zurückgekehrt ist.

Die Unterkunft besteht aus einem einzigen, in traditioneller Lehmbauweise gebauten Raum ohne Fenster und Heizung, doch immerhin wind- und regengeschützt. Das Mobiliar beschränkt sich auf ein Bett, in dem die ganze Familie gemeinsam schläft, einem einflammigen Gaskocher und einem kleinen Holzbänkchen im Raumeingang.

Es gibt also weder hier noch in der engen Nachbarschaft eine Privatsphäre.

Wie alle Kinder in seiner Situation ist Anteneh darauf angewiesen, durch Mitarbeit im Haushalt und zusätzliche Einnahmequellen für das überleben der Familie mitzusorgen. Mehrmals wöchentlich geht Anteneh mit seiner Ausrüstung auf die Straße, um Schuhe zu putzen. 30 Cent bringt ein Kunde ein, etwa 8 Pfennige, und niemals werden es mehr als 80 Pfennige am Tag.
Daß das Klima der Straße und der Einfluß herumhängender Straßenkinder sich auch auf den Jungen auswirken, ist natürlich nicht auszuschließen.

Sein Tag beginnt im Morgengrauen, wenn Anteneh und seine Mutter gegen 6 Uhr in der Frühe aufstehen. Während seine Mutter sich bald aufmacht, um in den umliegenden Wäldern Reisig zu sammeln, räumt Anteneh das Heim auf, putzt und bereitet das Essen für den Tag vor: Schirowott, das einfachste und auch sehr einseitige Essen, bestehend aus einer Linsen-Zwiebelsoße mit einem Teff-Fladen: selbst für die Tomaten fehlt das Geld.

Anteneh tut diese Arbeit gern, um seiner von der kraftraubenden Schlepperei erschöpften Mutter zur Hand zu gehen, obwohl das Kochen in der äthiopischen Gesellschaft ausschließlich Frauenarbeit ist.
Nach Erledigung der Hausarbeit macht er sich auf den 20minütigen Schulweg und sitzt um 8 Uhr in der ersten Schulstunde.
In der Pause bekommt Anteneh wie alle SchülerInnen der GCS eine Mahlzeit, bestehend aus einem großen Brötchen und einer Banane oder Apfelsine. Die Pausen und die Zeit nach dem Unterricht am Nachmittag nutzt der Junge zum Spielen mit den Kameraden und zur regelmäßigen Kontaktaufnahme mit den Sozialarbeiterinnen. Dort werden Probleme zwischen Schülern und Lehrern diskutiert, Spiele gespielt oder auch nur ein paar freundliche Worte gewechselt.

Die Erweiterung seiner sozialen Beziehungen durch die verschiedenen Angebote wirkt sich allmählich auch auf die Verhaltens- und Leistungsebene aus.
Wenn Anteneh über seine Zukunft spricht, strahlen seine Augen. Für seine Mutter will er sorgen können, Arbeit finden und das Auskommen der Familie sichern. Wenn er es sich leisten kann, wird er in seinem Stadtteil einen Sportclub für Jugendliche gründen. Für Jugendliche, wie er heute einer ist.

Zum Schluß möchten wir Ihnen herzlich danken, denn Sie haben uns als Paten und SpenderInnen großzügig und zuverlässig unterstützt. Unsere Schule lebt nur von Spenden.

Wieder möchten wir die obligatorische Bitte aussprechen: Bitte teilen Sie uns im Fall eines Umzuges Ihre neue Adresse mit. Ansonsten kommt alle Post an uns zurück. Es wäre schade, wenn die direkte Verbindung zwischen uns und Ihnen wegen e er unbekannten Adresse unterbleiben müßte. Auch wenn bei Überweisungen Ihre Adresse unvollständig ist, haben wir keine Möglichkeit Ihnen zu danken.

Alles Gute, Gottes Segen

Ihre
Ato Teklu Tafesse, Direktor
Hans-Joachim Krause, Pastor

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