Die Arbeit der German Church School
April 1995 bis April 1996

Der Beginn eines neuen Schulzweigs für Berufsausbildung sowie ernste Personalprobleme in unserer Schule in den letzten Monaten bringen es mit sich, daß wir in diesem Bericht nicht wie sonst einen umfassenden Überblick über alle Arbeitsbereiche der Schule geben werden - wir möchten vielmehr ausführlicher von diesen beiden Themen berichten, weil sie für die Zukunft der Schule zur Zeit von besonderer Bedeutung sind.

Zahlen
Trotzdem zuerst ein allgemeiner Überblick: Zahlen. Sie sind im Vergleich zum Vorjahr weitgehend gleich geblieben, es hat also innerhalb der alten Arbeitszweige der Schule keine wesentlichen Veränderungen gegeben.
Wir haben 463 Schüler in der Grundschule, 250 Jugendliche im Samstagsprogramm, 193 Erwachsene in den Abendklassen und 20 blinde Schüler. 20 Mädchen und Jungen haben in diesem März mit dem Berufsausbildungsprogramm begonnen.
Die Zahl der Patenschaften hat sich erhöht durch eine erfreuliche Zunahme von Unterstützungen aus dem Kreis der Gemeindeglieder und Freunde. Insgesamt werden 492 Kinder durch eine Patenschaft unterstützt, davon kommen 151 Patenschaften von der Kindernothilfe Duisburg, 147 über Interpedia Finnland und 194 aus dem Projekt- Freundeskreis (German Church Fosterships). Wie auch im letzten Jahr suchen wir aber noch weitere Patenschaften.

Berufsausbildung
Nach ausführlichen Vorgesprächen und Planungen zum Aufbau des neuen Ausbildungszweiges wurde im August 1996 ein hauptamtlicher Koordinator für Vocational Training (Berufsausbildung) eingestellt, Mr. Yewondwossen Melaku. Seine Aufgabe war es, die geplante Ausbildung für Sekretär/innen soweit vorzubereiten, daß die ersten Kurse im Januar dieses Jahres beginnen könnten. Dann allerdings kündigte Mr. Yewondwossen ganz plötzlich zwei Wochen vor geplantem Kursbeginn und hinterließ sehr viel Arbeit unfertig. In der Zwischenzeit haben der Lehrer Yohannes Derbew und ich das Programm weitergeführt, so daß der geplante Kurs Ende Februar beginnen konnte. Die Stelle eines Koordinators wurde neu ausgeschrieben, und im Mai wird Mr. Degafi Sissay seine Arbeit hier beginnen.
PCEs wurden im letzten halben Jahr mit Unterstützung der Kindernothilfe (die dieses ganze Programm besonders fördert und begleitet) 10 Computer angeschafft, Schreibmaschinen, Lehrbücher und erste Möbel für die neuen Ausbildungsräume. Grundlagen für die verschiedenen Lehrpläne wurden erarbeitet, wobei wir die Zuammenarbeit mit dem regionalen Education- Büro gesucht haben. Viel hat sich allerdings daraus nicht ergeben, Weil neue äthiopische Richtlinien für Berufsausbildung erst im Entstehen sind.
Im Januar fand dann eine Aufnahmeprüfung statt, nach der 20 Jugendliche, die die 12. Klasse abgeschlossen haben, ausgewählt wurden. 16 von ihnen kommen aus unserer Schule, je zwei aus Schulen der Mekane Yesu - Kirche und der orthodoxen Kirche. (6 von ihnen sind Mädchen, der Rest Jungen.)
Wegen der schlechten Englischkenntnisse dieser Jugendlichen haben wir der eigentlichen Ausbildung einen Intensivkurs in Englisch (Schwerpunkt: Kommunikation - entgegen dem hier an den Schulen meist üblichen Grammatik-Unterricht) vorangesetzt, der im März begonnen hat und bis zum Juli dauern wird. Wir konnten dafür vier qualifizierte Englischdozent/innen gewinnen, die zusammen 8 Unterrichtsstunden pro Tag unterrichten. Besonders danken möchten wir dabei Dr. Mehmet Ünlüsoy (Mitglied des Board of Governors), der diesen Englischkurs intensiv fachlich begleitet und berät.

Leider ist unser altes Platzproblem für die Berufsausbildung noch nicht gelöst: Ende des vergangenen Jahres erhielten wir die Mitteilung, daß die Teppichwerkstatt für Blinde auf dem uns benachbarten Grundstück einem Grundstückstransfer nun endgülig doch nicht zustimmt. Da es sich aber als schwierig herausstellte, einfach ein kleines zusätzliches Gebäude auf unserem jetzigen Compound zu errichten (Frage einer Baugenehmigung), haben wir als Übergangslösung einen Container und einen ehemaligen Lagerraum hinter dem jetzigen Schulgebäude ausgebaut. Dort findet jetzt der Englischunterricht statt, dort müssen im September dann auch erst einmal die Computer aufgestellt werden und die neuen Fächer unterrichtet werden.

Insgesamt läßt sich sagen, daß der Beginn des V.T.- Programms ermutigend ist - trotz der technischen und organisatorischen Hürden, die noch zu überwinden sind. Die Jugendlichen sind sehr motiviert und engagieren sich in der Mehrzahl sehr für ihren Unterricht. Für sie relativ neu ist der offene, kommunikative Ansatz im jetzigen Sprachunterricht. Selbstständiges, aktives Lernen wollen wir auch im weiteren Verlauf des Kurses fördern. Nur durch einen solchen Stil können wir das Ziel für unseren Kurs erreichen, selbstständig arbeitende Sekretär/innen (mehr als "Copy- Typists") auszubilden.
Diese werden von der wachsenden Zahl an privaten Betrieben und NGOs besonders hier in Addis zunehmend gesucht. Die Jugendlichen sind von ihrer vorherigen Schulzeit allerdings eher passiven Frontalunterricht und Vorlesungsstil gewöhnt - und auch das Bild einer selbstständig, arbeitenden Sekretärin ist nicht unbedingt das in einheimischen Organisationen übliche Bild einer Bürofachkraft. Dieses Bild müssen wir in unserem Kurs verändern. Die Jugendlichen nehmen den für sie neuen Stil recht gut an und gewöhnen sich an Diskussionen statt Vorlesungen, an aktive Teiilnahme am Unterricht, an selbstständiges Arbeiten im Unterricht.

In den nächsen Monaten wird es nun darum gehen, die Lehrpläne der einzelnen Fächer im Detail auszuarbeiten, Praktikumsplätze zu finden, Lehrkräfte (Teilzeit) einzustellen.
Im September wird dann die Ausbildung in den Verwaltungsfächern und an den Computern beginnen und zwei Jahre dauern.
Wir danken herzlich für alle Unterstützung und Beratung aus dem Kreis der deutschen Community, vor allem Frau Peter, Frau Grossherzog und Herrn Eißfeld.

Personalsituation
Im vergangenen Jahr traten zunehmend Schwierigkeiten mit dem Direktor der Schule, Ato Girma, auf. Um Weihnachten herum kündigte er schließlich seinen Wechsel zu einer anderen Organisation an (von der er schon seit Jahren immer mal wieder gesprochen hatte). Vor zwei Wochen hat er nun die Schule verlassen, die Stelle des Direktors war also neu auszuschreiben. Es haben vor drei Wochen Einstellungsgespräche stattgefunden, und Ato Teklu Tafesse (jetzt Schulleiter der Intono Schule der Mekane Yesus Kirche) wird ab dem 15. Mai der neue Direktor sein.

Leider vollzog sich der Weggang von Ato Girma unter einigen Schwierigkeiten - unter anderem mit dem Resultat, daß noch kurz vor seinem Weggang alle Mitarbeiter in verantwortlichen Positionen die Schule verlassen haben. (Ziel, einen "Scherbenhaufen" zu hinterlassen?) Der neu eingestellte Assistant Direktor, der Coordinator for Vocational Training sowie die Sekretärin des Schulbüros kündigten alle je einem Zeitrahmen von 1 bis 20 Tagen, so daß es zeitweise sehr schwierig war, überhaupt den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Besonders danken möchten wir daher den Mitgliedern des Board of Governors und einigen Lehrer/innen, die die Schule in dieser Zeit mit großem Zeiteinsatz unterstützt haben.

Mittlerweile ist auch eine neue Sekretärin eingestellt worden, Woizerit Etaferhew, so daß lediglich die Stelle des Assistant Director noch offen ist. Sie soll erst nach der Einarbeitungszeit der neuen Stelleninhaber besetzt werden.

Zukunftsaussichten
In den nächsten Jahren werden wir gemäß den neuen staatlichen Richtlinien eine siebte und achte Klasse einführen müssen, wenn wir weiterhin anerkannte Grundschule bleiben wollen. Außerdem werden dann ein Fachraum für Naturwissenschaften und eine Schülerbibliothek (die wir jetzt mit Spenden schon aufbauen) notwendig sein. Diese Anforderungen zusätzlich zum neuen Vocational Training machen eine Ausweitung unserer Schulgebäude unumgänglich. Da es unmöglich erscheint, neues Land in dieser Gegend zu bekommen, sind wir jetzt mit Architekten und der Stadtverwaltung im Gespräch, um den Schulbau um einige Gebäude oder Stockwerke auf unserem eigenen Gelände zu erweitern. Wir gehen davon aus, daß die Bauarbeiten noch in diesem September gleich nach dem Ende der Regenzeit beginnen können und dann nicht länger als 6 Monate dauern. In dieser Zeit soll der Unterricht fortgeführt werden - entweder in den bestehenden Räumen oder notfalls auch für kurze Zeit in Zelten auf dem Jan Meda- Feld.

Addis Abeba, 16. April 1996
Angelika Veddeler


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