"Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen,
der nimmt mich auf." (Matthäus 18, 5)

Donnerstag, 24.02.
Mein letzter Tag an der Schule galt dem Besuch zweier VT-Gruppen. VT steht für Vocational Training und bedeutet: Berufsausbildung.

Zunächst hospitierte ich in einer Klasse, die aus 17 jungen Männern und Frauen besteht. Der Unterricht ging von 8.30 bis 10 Uhr ohne Pause. Die jungen Leute, die eine Ausbildung zum Beruf des Sekretärs/der Sekretärin machen, übten in dieser Stunde das richtige Sprechen vor Menschen. Dies taten sie, indem sie entweder gelesene oder selbst erdachte Geschichten in englisch vor der Klasse (nach)erzählten. Geachtet wurde dabei auf Inhalt, Form, Grammatik und Gestik. Eine nicht einfache Sache, wie sich zeigte.
Nachdem mehrere Schüler eine Geschichte erzählt hatten, wertete die Lehrerin gemeinsam mit der Klasse das Gehörte und Gesehene aus. Jede/r durfte und sollte mitteilen, was ihm/ihr aufgefallen war.
Dabei wurden natürlich auch lustige Sprachfehler "enthüllt", wie z.B. "Yosephs house went out", was eigentlich heißen soll: Yoseph verließ das Haus (Yoseph went out the house). Oder: "I have come comfort you your old age", was heißen soll: "I have come to comfort you about your old age".

Die Frauengruppe des VT-ProgrammesNachdem ich diese Gruppe verlassen hatte, hospitierte ich eine weitere VT-Klasse zur Ausbildung von Sekretärinnen. Das besondere an dieser Gruppe ist, daß sie ausschließlich aus jungen Frauen zwischen 18 und 21 Jahren besteht!

Diese Klasse wurde erstmalig im Herbst 1999 begonnen und soll speziell Frauen die Möglichkeit einer Ausbildung geben, da Frauen in Äthiopien allgemein schlechtere Berufschancen haben. Mit diesem Konzept geht die GCS neue Wege, die zugleich aber auch Probleme in sich bergen. Doch dazu später.
In der Unterrichtseinheit, bei der ich anwesend sein durfte, lautete die Aufgabenstellung, die Vor- und Nachteile von Fernsehen und Video zu diskutieren. Dazu waren je zwei Gruppen gebildet worden.
Zu meiner Überraschung führten die Frauen eine wirklich interessante und lebendige Diskussion, die in ihren Inhalten genau die Punkte betraf, welche auch in unseren Breiten diskutiert werden. Die Tatsache, daß die Diskussion wirklich gut lief, war natürlich auch der indischen Lehrerin Subashini zu verdanken. Gekonnt griff sie vorsichtig in den Gesprächsgang ein, bündelte die Aussagen oder strukturierte sie, wenn Äußerungen etwas "verzweigt" vorgebracht wurden.

Als Vorteile wurden u.a. benannt: Gute Möglichkeiten für Bildung, Information und einfache Wissensvermittlung.
Nachteilig wurde u.a. empfunden, daß durch diese Medien leider auch allen Arten von Sex and Crime sowie religiösen und psychologischen Beeinflussungen negativer Art Tor und Tür geöffnet sind.

Exkurs: Noch wird zumindest das Fernsehen vom Staat kontrolliert, so daß eine hemmungslose Entwicklung bzw. Entartung des Mediums Fernsehen nicht möglich ist (sofern man nicht schon über Satelliten-Fernsehen verfügt).
Auf dem Video-Sektor dürfte dagegen schon eine ähnliche "Vielfalt" von Angeboten existieren wie in Europa oder Amerika. Die seuchenartige Verbreitung von Hardcore-Videos aller Coleur wird vermutlich nur dadurch eingedämmt, daß sich viele Menschen einfach keine entsprechende Ausrüstung leisten können. Doch der Markt für solchen Schmutz existiert leider schon.

Am Ende der Stunde blieb noch etwas Zeit, um einige Worte mit den Frauen zu wechseln und ihre Fragen zu beantworten.
Insgesamt habe ich von der Gruppe einen außerordentlich guten Eindruck mitgenommen und es ist sehr wünschenswert, daß nicht nur diese Gruppe mit Erfolg zum Ende geführt werden, sondern daß diese spezielle Arbeit mit Frauen auch fortgesetzt werden kann.
Damit bin ich aber auch zugleich bei den oben angesprochenen Problemen. Da die Schule nicht über geeignete Lehrer für das VT-Programm verfügt, müssen außenstehende Lehrer z.B. von der Universität eingesetzt werden. Das sichert zwar einerseits einen hohen Ausbildungsstandard, kostet aber andererseits erheblichen finanziellen Aufwand zur Bezahlung der Gehälter. Deshalb hat die Schule jetzt eine Expertengruppe gebeten, das gesamte Konzept auf seine Effektivität zu überprüfen.
Nach Abschluß der Überprüfung wird die Schulleitung beschließen, ob dieses VT-Programm weitergeführt wird oder nicht. Fest steht bislang lediglich, daß die Frauengruppe bis zum Abschluß geführt werden soll.

Aus meiner Sicht besteht kein Zweifel darüber, daß ein solches Programm weiterbestehen muß. Indes spricht es für das Verantwortungsbewußtsein und die Glaubwürdigkeit der Schulleitung, wenn sie sich einer freiwilligen Kontrolle ihres Schulkonzeptes unterzieht! Damit wird sichergestellt, daß eingehende Spenden in jedem Falle optimal zum Wohle aller Schüler/innen eingesetzt werden und kein unnötiger (Verwaltungs)Aufwand betrieben wird.

Zahlen zum VT-Programm der Frauengruppe:

  • Das gesamte Projekt kostet ca. DM 40.000.

  • Die deutschsprachige Gemeinde hat dafür DM 17.000 aus ihrem Haushalt zur Verfügung gestellt,

  • DM 6.000 steuert die Kindernothilfe e.V. bei.

  • Folglich ist noch eine Summe von DM 17.000 offen.

  • Gewiß haben schon manche Förderer der Schule, wie auch die Christen der Stadt Stendal, speziell für das VT-Programm gespendet. Doch ist damit die ausstehende Summe noch längst nicht ausgeglichen.

    Mit diesem Besuch der Frauengruppe waren meine Hospitationen beendet.

    (Nachschrift: Wie ich im Juli 2000 von dem Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde erfuhr, ist das VT-Programm aus Effektivitätsgründen geschlossen worden. Die Studenten, die ihre Kurse noch an der GCS begonnen haben, werden auch weiter von der Schule unterstützt, so daß sie ihre Ausbildung beenden können. Sie werden mit Hilfe einer Sozialarbeiterin an anderen Einrichtungen untergebracht.)

    >>>>>>>> Bitte tragen Sie sich im Gästebuch der Schule ein. Danke! <<<<<<<<


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