Mittwoch, 23.02.
Frage: Welche sind die häufigsten Krankheiten unter den Schülern?
Sie, die Schwester, und Helfer der katholischen Hilfsorganisation MMM lehren im Unterricht Hygiene. AIDS-Beratung geschieht durch Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und sexuelle Aufklärung wird von Krankenschwestern aus benachbarten Gesundheitszentren gegeben.
Frage: Was macht ihnen am meisten Spaß bei ihrer Arbeit?
Informationen:
In aller Regel ist vor Ort keine Heilung möglich, da keine entsprechenden medizinischen Geräte bzw. keine Medizin zur Verfügung steht.
Im Sonderunterricht lesen die Schüler ihre Bücher in Blindenschrift, lernen, auf der Braille-Schreibmaschine zu schreiben oder machen Übungen mit den Fingern zur Erkennung von Gegenständen, Mustern usw. Ja, sie "malen" sogar mit Hilfe einer Nadel, die sie in eine Folie stechen. Mit den Fingern ertasten die Schüler das entstehende Bild.
Inwzischen hat sich ein Kommittee aus den Familien der Betroffenen gebildet. Doch die Erlaubnis zum Wiederaufbau der ohnehin elenden Hütten bleibt aus. Keiner weiß, wann es weitergeht, zumal der Krieg jeden Tag ausbrechen kann. Meine kärgliche Spende von 100 Birr (=25 DM) konnte da kaum mehr als eine symbolische Bekundung meiner Solidarität sein. Hilfe wäre dringend nötig.
(Im Juli 2000 erfuhr ich, daß inzwischen die Genehmigung zum Wiederaufbau der Häuser mit Toiletten gegeben wurde. Finanziert wird dieser Wiederaufbau aber durch eine Nicht-Regierungs-Organisation. Die Schule unterstützt ihre 23 Familien nach allen Kräften.)
Während des Mittagessens hatte ich dann ein Gespräch mit Ato Teklu über die Hilfe, welche die Schule konkret benötigt. Zum Inhalt später.
Unser erster Besuch führte uns zu einem kleinen Haus, in dem vier blinde Jungen leben.
Die vier Jugendlichen sind:
Die Jugendlichen kommen alle von weit entfernten Orten und können nur einmal im Jahr für eine Woche ihre Familien besuchen. So leben sie in diesem Haus, welches die Schule für die Schüler angemietet hat, und helfen einander im Alltag und in der Schule.
Der nächste Besuch führte uns zur Familie von Fanta (14 Jahre, 5. Klasse).
Fanta war bereits Schüler an der GCS, als 1998 die Sehverschlechterung eintrat. Heute hat er noch ca. 20% Sehvermögen und wird in absehbarer Zeit ganz blind sein. Als Schüler der GCS konnte er problemlos in die Integrated Education überwechseln, was für ihn eine gute Fügung ist. Wäre er an einer anderen Schule gewesen, hätte er sie verlassen müssen. Seine Zukunft wäre ungewiß.
Meine Frage an die Mutter, wie sie die Erkrankung ihres Sohnes erlebt, beantwortete sie folgendermaßen:
"Die Sehschädigung macht mich traurig, aber ich nehme das Problem als von der Natur verursacht aus Gottes Hand an."
Wieder fragte ich die Mutter nach ihren Wünschen für die Zukunft. Sie antwortete, sie denke nur an die Kinder. Für sich selbst sieht sie keine Hoffnung mehr, daß sich ihre Lebenssituation noch verbessert. Das wichtigste Anliegen in ihrem Leben ist darum eine gute Zukunft für ihre Kinder, besonders für Fanta.
Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt als Reinemachfrau und bekommt dafür 100 Birr im Monat. Das sind magere 25 Mark.
Ihr Mann war Soldat während des DERG-Regimes und wurde getötet.
Die Eltern von Dasta leben mit ihren 2 Brüdern und 2 Schwestern in Gondar. Das ist ca. 400 km von Addis Abeba entfernt.
Ihren Lebensunterhalt verdient die Tante durch den Verkauf selbstgemachten einheimischen Bieres, genannt "Tala", und durch Gelegenheitsarbeiten. Ihr Zukunftswunsch für Dasta ist, daß sie auf eigenen Beinen stehen kann.
Nach diesem Besuch kehrte ich mit dem mich begleitenden Lehrer in die Schule zurück. Dasta schloß sich uns an, weil sie gern in die Bibliothek gehen wollte. Sie nahm ihren Blindenstock - und wie ein Wiesel ging sie uns voran. Das ist bei dem Zustand der Straßen und Gehwege eine große Leistung. Das Mädchen geht diesen Schulweg von vielleicht einem knappen Kilometer täglich allein hin und zurück.
Allgemeine Anmerkungen:
Heute stand auf dem Programm der Besuch der Schulklinik, Besuch des Sonderunterrichts für die blinden Schüler, ein Gespräch mit Ato Teklu und am Nachmittag Hausbesuche bei blinden Schülern.
Die Krankenschwester der Schule heißt Sr. Likeyelesh Baisa und ist seit April 1999 angestellt. Ihre Ausbildung hat sie 1971 beim Roten Kreuz in Addis Abeba erhalten und später u.a. beim Außenministerium, 4 Jahre in Deutschland und in Nairobi gearbeitet. Sr. Likeyelesh ist verheiratet und hat drei Kinder: 2 Jungen und ein Mädchen.
Antwort: Hautkrankheiten, weil sich die Kinder nicht häufig waschen und Magen- und Darmkrankheiten wegen mangelnder Hygiene.
Geplant ist eine Elternberatung an der Schule und wenn Kinder permanent krank sind, berät die Schwester die Eltern auch zu Hause.
In regelmäßigen Abständen bzw. bei Bedarf kommt auch ein Arzt in die Klinik, um die Kinder zu untersuchen.
Antwort: Ich sorge gern für die Kinder. Wichtig ist, mit ihnen und ihren Eltern zu sprechen.
Anschließend Besuch des Sonderunterrichts für blinde Schüler im Resourceroom.
Einer der betreuenden Lehrer ist Hailu, selbst Absolvent dieser Schule.
Waschen mit verschmutztem Wasser, Staub im Wind, Wasserreflexionen, Infektionen.
Die meisten Kinder könnten in Europa erfolgreich behandelt werden!!
Das besondere System der Integrated Education (Integrierte Ausbildung) an der GCS gibt den blinden Schülern die Möglichkeit, mit den sehenden Schülern zusammen in der Klasse zu lernen.
Diese einzigartige Methode des gemeinsamen Lernens fördert nicht allein den Lerneifer - die blinden Schüler sind zumeist die Klassenbesten - sondern fördert auch die Integration der sehbehinderten Schüler in die Gemeinschaft und übt alle Schüler in sozialem Verhalten untereinander!
Es ist bewegend zu sehen, wie fürsorglich blinde und sehende Schüler füreinander da sind und wie sie z.B. während der Pausen miteinander sprechen, spielen, gehen und stehen - und natürlich auch die blinden Kinder miteinander.
Laut Christoffel-Blindenmission ist das Projekt der integrierten Erziehung an der German Church School in Addis in ganz Äthiopien einmalig!
Nach diesem Programmpunkt nahm mich der Schuldirektor mit zu einem ehemaligen Wohngebiet im Jan-Meda-Areal, wo vor kurzem etliche Häuser abgebrannt waren. Glücklicherweise war dabei niemand getötet worden.
Da von dieser Katastrophe auch Familien von 23 Schülern und einem Wachmann der GCS betroffen waren, hatte die Schule Hilfe zur Verfügung gestellt.
Es sieht dort verheerend aus. Nur notdürftige Zelte wurden aufgebaut, in denen auf engstem Raum 700 Menschen hausen müssen. Staatliche Hilfe läßt auf sich warten...
Am Nachmittag besuchte ich gemeinsam mit einem Lehrer die Elternhäuser blinder Kinder.
Sie führen ihren gesamten Haushalt selbständig! Wenn man das Haus betritt, vermutet man nicht, daß es von blinden Jugendlichen bewohnt und bewirtschaftet wird, so gepflegt sieht es dort aus; erstaunlich.
Asmare, 11. Klasse (er möchte Rechtsanwalt und Organist werden)
Tarekne, 11. Klasse (er war nicht anwesend während meines Besuches)
Ashagera, 10. Klasse (er war nicht anwesend während meines Besuches)
Maru, 7. Klasse
Fanta lebt mit seiner Mutter und drei Geschwistern in einer Hütte von 10 qm, wofür sie 5 Birr (=1,25 DM) Miete im Monat bezahlen müssen.
Fanta selbst meint zu seiner Erkrankung: "Ich akzeptiere das Problem. Ich bin glücklich, daß ich an der GCS bin, die Braille-Schrift beherrsche und weiterlernen kann. Die Gefahr, das Augenlicht ganz zu verlieren, ist für mich kein Problem. Noch kann ich etwas sehen und was die Zukunft bringt, weiß niemand."
(Die Krankheitsursache wurde mir von dem mich begleitenden Lehrer als "Tuner gland from his mentaly" beschrieben. Bislang weiß ich nicht, was das bedeutet.)
Meinen letzten Besuch in diesen Tagen machte ich im Haus von Dasta. Sie ist 15 Jahre alt, geht in die 6. Klasse und ist die beste Schülerin ihrer Klasse!
Dasta lebt mit ihrer Tante in einer elenden Hütte, die einem privaten Vermieter gehört. Dafür müssen sie 75 Birr bezahlen, das sind rund 19 DM - ein Skandal! Wenigstens sind Wasser und Strom inclusive. Doch einen Wasseranschluß hat die Hütte nicht. Der einzige Wasserhahn für die Menschen, die dort in unmittelbarer Umgebung leben, befindet sich auf dem Hof.
Das Mädchen erblindete mit zwei Jahren, sie hat keine Seherinnerung. Dennoch mußte sie hart arbeiten. So nahm die Tante bei einem Besuch in Gondar ihre Nichte mit und brachte sie in der Woleita Boarding School im Süden Äthiopiens unter. Auf Grund der großen Entfernung von Addis holte sie sie schließlich in ihr Haus und konnte sie auf Grund eines glücklichen Umstandes an der GCS unterbringen.
Obwohl die ganze Familie der orthodoxen Kirche angehört, geht Dasta zur Pentecostal Church und zur Evangelischen Kirche. Die Tante toleriert das und hat damit kein Problem.
Da es für blinde Schüler nur äußerst geringe Berufschancen in Äthiopien gibt, wollen die meisten später Rechtsanwälte, Richter oder Lehrer werden. Nur zwei von denen, mit welchen ich sprach, wünschen sich einen Beruf als Künstler bzw. Lektor.
Die häufigsten Ursachen für Erblindung bei Kindern wurden oben schon genannt. Genaugenommen liegen die Ursachen jedoch in mangelnder Fürsorge der Eltern für ihre Kinder begründet, so erfuhr ich. Dies geschieht indes meist nicht aus Desinteresse, sondern weil die Eltern tagein, tagaus schwer für den Lebensunterhalt arbeiten müssen und die Kleinkinder, die noch nicht mitarbeiten können, sich in dieser Zeit selbst überlassen bleiben.
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