Dienstag, 22.02.
In der ersten Stunde war Mathematik angesagt: Geometrie. Der Mathelehrer heißt Yohannes und ist ein freundlicher Mann.
Während des Unterrichtes wurden drei Schüler hinausgerufen. Erklärung: Sie sollten am Vortag mit den Eltern zur Schule kommen, hatten dies aber nicht getan. Nun wurden sie noch einmal dazu aufgefordert.
In der zweiten und dritten Stunde stand Englisch auf dem Lehrplan. Der Lehrer ist Teferi.
In der vierten Stunde gab es Biologie. Lehrstoff waren menschliche Krankheiten und ihre Ursachen.
Infektionen; Würmer, Amoeben, Bakterien: ihre Wirte, übertragung, Wirkung und Auswirkungen.
Damit verbunden wird zugleich die Vermittlung von Prävention und Hygiene.
In der fünften Stunde sollte es Physik geben. Da die Lehrerin jedoch auf Weiterbildung war, nutzte ich die Gelegenheit nach Absprache mit dem Fach- und Klassenlehrer Tezera Shifaye (Unit Leader in the Regular Classes und Lehrer für Geologie und Geschichte), der eigentlich die Vertretung hatte, der Klasse etwas von mir und meinen Gemeinden zu erzählen. Außerdem hatten die Schüler Gelegenheit, mich zu fragen, was sie nach anfänglicher Scheu auch taten.
Allgemeine Beobachtungen zum Lehr- und Lernstil:
1. Die Schüler stehen grundsätzlich auf, wenn ein Erwachsener (zum ersten Mal?) den Raum betritt.
Auf meine entsprechende Frage hin wurde mir folgende Auskunft gegeben: Die anderen Kinder in seinem Wohngebiet (eigentlich "Slum"), unter denen er auch seine Freunde hat, sind zwar neidisch auf die Schüler der GCS, schneiden sie aber nicht.
Mein zweiter Besuch führte mich zum Elternhaus von Anteneh (16 Jahre), ein Freund von Mikiyas.
Auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit der intoleranten orthodoxen Kirche in Äthiopien fragte ich Anteneh, ob die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kirchen die Freundschaft der beiden Jungen beeinträchtigt.
Antwort: Nein. Bei den Protestanten ist nur Jesus der Mittler zwischen Gott und den Menschen und bei den Orthodoxen gibt es eben noch Heilige als zusätzliche Vermittler.
Befragt, was sich die Eltern für Anteneh wünschen, sagten sie, sie wollen ihrerseits für ihn tun, was in ihren Kräften steht. Sie vertrauen auf Gott und beten für ihren Sohn.
Den dritten und letzten Besuch an diesem Tag machte ich im Elternhaus eines Mädchen namens Frehiwot (16 Jahre).
Die Jobsuche des Vaters war vergeblich. Hin und wieder ergibt sich für ihn einmal eine Gelegenheitsbeschäftigung, die aber nur weinge Birr einbringt.
Freunde hat Frehiwot, ihr Hobby ist Handarbeit und sie hat viel freie Zeit, was mich ein wenig gewundert hat, denn gewöhnlich müssen besonders Mädchen im Haushalt ordentlich mit anpacken. Umso besser, daß die Eltern ihrer Tochter diesen Freiraum lassen.
Frage: Was verstehst du unter einem guten Leben?
Was Frehiwot indes als problematisch erlebt, ist das viel zu kleine Haus, das keinen Raum für eine Privat-Sphäre läßt. Sie möchte später gern in Addis bleiben, aber in ein anderes Wohngebiet ziehen.
Mit diesem Besuch war mein Tageprogramm beendet.
An diesem Tag begleitete ich den Unterricht in einer 8. Klasse. Dies geschah um der Tatsache willen, daß ab der 8. Klasse der gesamte Unterricht in Englisch gehalten wird - natürlich außer "Amharisch". So konnte ich also den Unterricht mitverfolgen.
Morgens beginnt der Schultag um 8 Uhr mit einer kurzen Andacht. Ab 8.10 Uhr geschieht der eigentliche Unterricht. Die "Stunden" dauern 30 Minuten und zwischen der ersten und zweiten "Stunde" ist keine Pause, erst nach der 2. "Stunde" für 20 Minuten.
Zuerst wurden die Hausaufgaben abgefragt.
Lehrstoff dieser Stunden war "will - going to". Die Schüler sollten zu den einzelnen Zeitformen Sätze
bilden. Ein lustiges Beispiel: "Every morning at six I stand on my bed", soll heißen "Every morning I
get up at six".
Anschließend eine kleine schriftliche übung (Kurzarbeit), die eingesammelt wurde.
2. Die Schüler sind durchweg lernbegierig und beteiligen sich eifrig am Unterricht, z.B. durch häufiges Melden.
3. Beim stillen Arbeiten (mit dem Buch oder während eines Tests) herrscht Ruhe, höchstens vernimmt man leises
Flüstern. Disziplinprobleme scheint es nach meinen Beobachtungen nicht zu geben.
4. Der Stoff einer vorhergehenden Unterrichtsstunde wird stets wiederholt, indem der Lehrer vorspricht und die
Klasse antwortet im Chor.
5. überhaupt ist die ständige Wiederholung eine wichtige Lehrmethode, da nicht alle Schüler alle erforderlichen
Schulbücher besitzen. So müssen sie viel auswendig lernen bzw. eifrig mitschreiben - sofern genügend Papier
und Stifte vorhanden sind.
6. Während meiner Hospitation habe ich einen unverkrampften Lehrstil (trotz Frontalunterricht) beobachtet. Das
ist ganz interessant. Der ganze Unterricht geschieht in aufgelockerter Atmosphäre, was den Schülern das
Lernen gewiß erleichtert.
7. Dennoch werden die Schüler stets auf ihre Leistungsfähigkeit und -willigkeit hin beobachtet. Wer sich gehen
läßt, dem droht die Schulentlassung. Das wissen die Schüler. Dieser strenge Stil ist nötig, da es sehr viele
Kinder gibt, die gern an diese Schule gehen möchten, aber keine Chance haben, weil die Kapazität begrenzt
ist. Zudem muß die Schule auf die Haltung ihres guten Niveaus achten, da sie ihrerseits von staatlichen Stellen beobachtet wird. Und schließlich genießt die Schule einen sehr guten Ruf im Land, da
sie ihren Schülern eine hervorragende Ausbildung im Vergleich zu den sonstigen staatlichen und privaten
Schulen zukommen läßt. Ihre Absolventen haben später beste Chancen, eine Berufsausbildung zu bekommen
bzw. an der Universität studieren zu können.
Am Nachmittag machte ich Hausbesuche. Tezera begleitete mich als Lehrer und Dolmetscher für die Eltern.
Mein erster Besuch galt Mikiyas (15 Jahre).
Er entstammt einer orthodoxen Familie. Sein Vater lebt mit seinen zwei Geschwistern an einem anderen Ort. Mikiyas wohnt mit einer alten Frau, die sich um ihn kümmert, und seiner Mutter in dem vorderen, ungefähr 7 qm großen Raum einer Elendshütte, deren zweiten Raum sie noch vermieten, um den kargen Lohn der Mutter aufzubessern. Die Mutter ist Reinemachfrau in einem privaten Haus und kommt nur selten nach Hause.
Von der Schule, in deren Nähe ihr Wohngebiet liegt, haben sie durch eine Annonce erfahren.
Mikiyas möchte gern Maler (Künstler) werden - ich sah Bilder von ihm; er kann recht gut malen. Wenn er nicht an der Künstlerschule angenommen wird, will er gern von Studenten dieser Schule das malen lernen. Für seine Zukunft wünscht er sich ein besseres Leben und ein eigenes Studio in der Stadt, um seine Bilder malen zu können. Sollte seine Karriere als Maler nicht gelingen, möchte er gern Schauspieler werden.
Anteneh entstammt einer mennonitischen Familie.
Sein Vater ist Wachmann bei der mennonitischen Kirche mit einem Arbeitsrhythmus von 24 Stunden Dienst, danach 24 Stunden frei. Seine Mutter ist Hausfrau. Anteneh hat noch eine 4jährige Schwester namens Deborah.
Die Familie wohnt in einem staatlichen Haus zur Miete, das größer und auch in besserem Zustand ist als das von Mikiyas und seiner Familie. Die Eltern sind glücklich, daß ihr Sohn an die GCS gehen kann. Sie erfuhren von der Schule auch per Annonce.
Anteneh möchte gern Maler (Künstler) oder Architekt werden. Für die Zukunft wünscht er sich, daß er seine Ausbildung abschließen und ein berühmter Künstler in Europa werden kann.
Exkurs: In diesem Zusammenhang erzählte mir Tezera, daß die Kinder gewöhnlich die Religion ihrer Eltern haben und ihnen keine Wahl bleibt. Es kommt immer wieder vor, daß orthodoxe Eltern ihre Kinder vor die Tür setzen, wenn sie sich einer anderen Kirche anschließen!
Schließlich fragte ich die Eltern, ob sie sich ein besseres Leben wünschen?
Antwort: Ja, es besteht zwar keine Aussicht, ober sie geben die Hoffnung nicht auf.
Frehiwot entstammt gleichfalls einer orthodoxen Familie und hat noch einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Mit fünf Personen leben sie in einem "Regierungshaus" (d.h., staatliches Mietshaus), das aus einem Zimmer von ungefähr 9 qm besteht.
Von der Schule erfuhren sie ebenfalls durch eine Annonce. Ihr Vater war Soldat und Offizier während des DERG-Regimes unter der Regierung von Mengistu Haile Mariam. Nach dem Regierungswechsel erhielt er keinerlei Pension oder sonstige Unterstützung. Die Mutter ist Hausfrau und hat ebenfalls keinen Job. So suchten die Eltern eine Hilfsorganisation, die ihre Tochter unterstützt. Probleme mit der Tatsache, daß sich die Schule in Trägerschaft der evangelischen Kirche befindet, hat die Familie nicht, da die Ausbildung an der Schule religionsneutral geschieht.
Es war für mich nicht ersichtlich, wovon die Familie lebt, abgesehen von der Unterstützung, die sie mittelbar von der GCS erhält.
Frehiwots Wünsche für die Zukunft:
Ihr Berufswunsch ist Malerin oder Krankenschwester. Ferner möchte sie unabhängig werden und ein gutes Leben führen, das sie dann auch in die Lage versetzt, ihrer Familie zu helfen.
Antwort: Ein besserer Lebensstandard.
| >>>>>>>> Bitte tragen Sie sich im Gästebuch der Schule ein. Danke! <<<<<<<< |