Aus der Geschichte der German Church School

von Angelika Veddeler

Phase 1: Aufbaujahre
1966: Die deutsche Gemeinde, die mit Pastor Graffam erstmalig einen hauptamtlichen Pastor hat, entschließt sich, Sozialarbeit für die Bewohner der ihr benachbarten Stadtteile aufzubauen. Zunächst will man dafür eine "zweite hauptamtliche Kraft" anstellen. Dann aber bleibt diese Aufgabe bei Frau Graffam, die unterstützt von engagierten Frauen der Gemeinde, ein Hilfsprogramm für bedürftige Mädchen aus der unmittelbaren Umgebung startet.
Im Gemeindesaal lernen diese Mädchen Lesen, Schreiben, Rechnen, es wird gespielt und getanzt. Schon bald darauf kauft die Gemeinde das benachbarte Grundstück (auf dem bis heute die Schule untergebracht ist), um diese Arbeit weiter ausbauen zu können.
Auf dem neuen Gelände entstehen einige Tuklus, in denen der Unterricht weitergeführt werden kann. Später werden mit Hilfe von "Brot für die Welt" Gebäude errichtet, so daß mehr Mädchen und Frauen aufgenommen werden können.

1971: Die neuen Gebäude für das "Social Services Center" der deutschen Gemeinde werden in einem Festgottesdienst eingeweiht. Bischof Kurt Scharf und ein französischer Pfarrer predigen, der Leiter des EKD - Außenamtes, Präsident Adolf Wischmann, ist anwesend.
Die Arbeit ist inzwischen ausgeweitet worden: 110 Frauen und 70 Mädchen erhalten Unterricht in Amharisch, Englisch, Nähen und Kochen, und sie können Kurse in Kinderpflege belegen. Ziel ist zu dieser Zeit noch, mit Hilfe von "Brot für die Welt" ein Frauenbildungszentrum aufzubauen.
Leitgedanken der Arbeit sind zu dieser Zeit die Stichworte "Soziale Hilfe und Wohlfahrt". Diese Hilfe wird organisiert und durchgeführt von Frauen der Gemeinde, die sich hier ehrenamtlich engagieren.
Phase 2: Entwicklung in Richtung Schule
Nach den Anfangsjahren gibt es einen Richtungswechsel in der Sozialarbeit:.
1976 wird das Zentrum auch für Jungen geöffnet, der Lehrplan nähert sich dem der staatlichen Schulen an. Die Arbeit wird neu strukturiert: Unterricht findet in Klassen statt, am Ende eines Schuljahres gibt es Zeugnisse. Mit diesen Schritten möchte man die Kinder - das ist jetzt das Ziel - auf den Besuch weiterführender öffentlicher Schulen vorbereiten. Daher werden Grundbestandteile des staatlichen Lehrplans in den Unterricht aufgenommen. Zusätzliche Fächer wie Religion, Handarbeiten, Sport kommen hinzu. Es werden äthiopische Lehrer eingestellt, die den Unterricht übernehmen- gemeinsam weiterhin mit Frauen aus der deutschen Gemeinde, die sich unter der Leitung von Frau Scheffer engagieren.
1976 ist auch das Jahr, in dem erste Kontakte zur "Kindernothilfe" in Deutschland entstehen.Über diese Organisation werden einzelne Kinder der Schule und ihre Familien mit Patenschaften aus Deutschland unterstützt. Auch über Mitglieder und Freunde der deutschen Gemeinde entstehen Patenschaften ("German Church Fosterships").
Phase 3: Formelle Schulbildung
1979 gerät Äthiopien - wie schon 1973/74 - durch eine Hungersnot in die internationalen Schlagzeilen. Viele Spenden fließen hierher, auch in die Sozialstation. Durch dieses Geld wird eine weitere Umstrukturierung und Ausweitung der Arbeit möglich. Mit dem Motto "Bildung ist der Schlüssel zur Hilfe" (parallel zur Bildungsreform und Bildungs - Euphorie in Europa) versucht man, den anfänglichen Wohlfahrtsgedanken weiterzuentwickeln:
Mit langfristigen Maßnahmen wie einer anerkannten vollständigen Schulausbildung will man die Selbstständigkeit der Kinder fördern.
Der Unterricht der Schule wird nun den staatlichen Richtlinien für Grundschulen (Klasse 1-6) angepaßt, damit wird die Schule de facto als Grundschule anerkannt (Zusammenarbeit mit dem Ministry of Education). Den Nationalisierungsplänen der Regierung entgeht sie unter anderem dadurch, daß eine juristische offizielle staatliche Anerkennung nicht betrieben wird.
Der Andrang auf Schulplätze wächst: Es muß nun ein Auswahlverfahren eingerichtet werden, weil nicht mehr alle Kinder aufgenommen werden können. Oberstes Kriterium ist dabei die Bedürftigkeit der Familie eines Kindes: Nur die Ärmsten der Armen werden aufgenommen. Das "Samstagsprogramm" wird eingeführt: Schüler, die die 6. Klasse abgeschlossen haben, werden weiterhin durch Patenschaften unterstützt, um weiterführende Schulen in der Stadt zu besuchen. Samstags kommen sie zurück in unsere Schule, um hier zusätzlichen Unterricht und vor allem Platz für Diskussionen und Gespräche zu haben.
Abendklassen für Erwachsene ohne Schulbildung werden eingerichtet.
Das äthiopische Lehrerkollegium wächst, ein Direktor - Ato Girma Gemisse - wird eingestellt. 1983 beginnt eine österreichische Krankenschwester, eine Gesundheitsversorgung für die Schüler aufzubauen. Ein Raum für eine kleine "Schulklinik" wird eingerichtet. Duschen und Toiletten werden eingebaut.
Regelmäßige Lehrerfortbildung einmal in der Woche wird eingeführt, bei der Mitglieder der deutschen Gemeinde sich engagieren.
Unter der Leitung von Frau Garms entstehen detaillierte (schuleigene, aber den staatlichen Richtlinien angepaßt) Lehrpläne für alle Fächer. 1989 beginnt das Programm der "Integrierten Blindenerziehung", angeregt und unterstützt von der "Christoffel Blindenmission". Lehrer werden in Blindenerziehung ausgebildet, z.T. in Indien. Die finnische Organisation "Interpedia" beginnt ebenfalls, Patenschaften zur Unterstützung von Schülern zu vermitteln.
Phase 4: Organisationsstruktur, Berufsausbildung, Neubau
Mittlerweile ist die Arbeit der German Church School bei wechselnden äußeren Bedingungen gewachsen und hat sich immer wieder verändert. Es gehen jetzt 950 Schüler in die verschiedenen Zweige der Schule. Nun ist es an der Zeit, neue Strukturen und Organisationsformen zu schaffen. Die Anstellungsbedingungen aller Mitarbeiter müssen geprüft und vereinheitlicht werden. Neue Stellen in der Schulleitung sind nötig.
1994/95 entstehen daher Grundsatzpapiere (Constition und Policy), die die Grundlagen der Arbeit, sowie eine schuleigene Gehaltsskala. Kranken- und Pensionsversicherungen für alle Angestellten werden eingeführt. Arbeitsbeschreibungen für alle Stellen werden erstellt, die Verantwortungsstruktur festgelegt. Das schon länger bestehende Board of Governors der Schule bekommt eine klarere Aufgabenbeschreibung, ein offizielles Schulleitungsteam wird festgelegt.
Eine äthiopische Vollzeitkrankenschwester wird eingestellt, die nun die Klinik leitet sowie Unterricht in allen Klassen erteilt.
1994: Ein ganz neuer Zweig der Schule - praktische Berufsausbildung - wird vorbereitet. Eine neue Art der Patenschaften wird eingeführt: Projektpatenschaften, mit denen Schulplätze, nicht mehr individuelle Schüler unterstützt werden.
1996 beginnt der erste Kurs mit 20 Jugendlichen, die eine Sekretärinnenausbildung erhalten (informelle Ausbildung nach schuleigenem Lehrplan, den staatlichen Kriterien entsprechend). Der neue Zweig wird von der "Kindernothilfe" gefördert und unterstützt.
1996 wird ein neuer Direktor eingestellt: Ato Teklu Tafesse, ebenso ein hauptamtlicher Koordinator des neuen Berufsbildungszweiges, Ato Degafi Sissay.
1997 gibt es eine versuchsweise Änderung der Aufnahmepolicy: Um zu verhindern, daß die ausnahmslos extrem armen Schüler sich gegenseitig in einer Haltung von Bedürftigkeit und entsprechender Passivität bestärken ("I am poor, I must be helped"), werden erstmals 10 Prozent Kinder aus der Gruppe der sogenannten "Working Poor", also aus geringfügig besser gestellten Familien in die neue erste Klasse aufgenommen.
1997 wird aufgrund der neuen Schulpolicy der Regierung, die eine Erweiterung der äthiopischen Grundschule vorsieht, Klasse 7, später dann auch Klasse 8 eingeführt.
1996 beschließt die Gemeindeversammlung einen kompletten Neubau auf dem jetzigen Gelände der Schule. Nachdem jahrelange Verhandlungen zu Kauf oder Pacht neuen Landes für die Schule nicht zum Erfolg geführt haben, die bestehenden Gebäude aber längst viel zu klein geworden sind, entstehen Pläne für einen zweistöckigen Neubau.
Ende 1996 beginnen die Bauarbeiten, im Juni 1998 zieht die Schule in das neue zweistöckige Gebäude ein. In ihm sind die normalen Klassen und die Berufsausbildung untergebracht - sowie erstmals auch eine Bibliothek, ein Labor für Naturwissenschaften und Vorbereitungsräume für alle Lehrer. Der Bau wird wesentlich von der EG mitfinanziert.
Ende Mai/Anfang Juni 2002 begeht die German Church School ihr 30jähriges Jubiläum. Unter Beteiligung von Kirchenvertretern aus Äthiopien, Mitarbeitern der deutschen Botschaft und eigens aus Europa angereisten Gästen findet ein bewegendes und fröhliches Fest statt, an dessen Ende ein ökumenischer Gottesdienst mit evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen stattfindet.

(unter Verwendung der von Irmgard Kurz erstellten "Chronik der GCS" und mit Erweiterungen durch Pfr. Gerhard Reuther)


Informations - Menu