Kreuzkirche Schulhof

30 Jahre German Church School,
Addis Abeba (Äthiopien)

31. Mai - 2. Juni 2002

 

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Teaching in the eye of the hurricane...

sinngemäß: Unterricht im Auge des Hurrikans; so hat Frau Eva Scheffer, die Frau des Pfarrers der deutschsprachigen Gemeinde in Addis Abeba (Äthiopien) in den 70er Jahren, ihr Grußwort aus Anlaß des 30jährigen Jubiläums der German Church School überschrieben. Das ist ein beeindruckendes Bild: während im Inneren eines Hurrikans abolsute Ruhe herrscht, tobt drumherum ein vernichtender Sturm.
In bewegender Weise hat sie geschildert, in welch spannungsreichen politischen und sozialen Verhältnissen besonders während der sozialistischen Zeit in Äthiopien die Schule ihre Arbeit getan hat.
Mag uns das dreißigjährige Jubiläum einer Schule nicht besonders feiernswert erscheinen, auch wenn sich diese in einem afrikanischen Land befindet, so gab es aus o.g. Grunde allen Anlaß, diesen Geburtstag dennoch zu begehen!

Während der Grußstunde am 31. Mai 2002 fanden sich denn auch die Honoratioren aus Kirche und der deutschen Botschaft ein:
Girma Chaka, der Präses der Zentralsynode der evangelischen Kirche von Äthiopien, Birhane Yesus, der Cardinal und Bischof der katholischen Kirche von Äthiopien - der Vertreter der orthodoxen Kirche war leider nicht erschienen - , Dr. Honsowitz, der deutsche Botschafter, Dr. Pohl, der Leiter des Goetheinstituts und deutsche Kulturattaché, Joachim Schroedel, der Pfarrer der deutschen katholischen Gemeinde in Cairo (früher Addis Abeba).
Es war mir eine große Freude, daß ich eingeladen war, mich in die Reihe derer einzugliedern, die ein Grußwort sprechen durften - als einer von zwei eigens angereisten Europäern überbrachte ich die Grüße der Gemeinden aus Deutschland und des Rotary Clubs Stendal, die seit Jahren die German Church School unterstützen.
Während der drei Festtage hatte ich vielfach Gelegenheit, mit Schülern, Eltern, Lehrern und Mitarbeitern der deutschsprachigen Gemeinde zu sprechen. Sie alle haben mir mit großer Herzlichkeit und natürlicher Freude erzählt, wie dankbar sie für die Unterstützung sind und die Hoffnung, die sich daraus für die vielen Kinder ergibt, die sonst keine Chance auf ein menschenwürdigeres Leben hätten.

Diese Dankbarkeit und Freude möchte ich gern an Sie weitergeben, um sie mit Ihnen zu teilen. Gott möge alle Paten und Spender weltweit segnen und die deutschsprachige Gemeinde in Addis dafür, daß sie dieses einzigartige Sozialprojekt begonnen und mit Gottes Hilfe durch alle bewegten Jahre weitergeführt hat.

Gruss aus StendalDie offizielle Feier am Freitag, dem 31. Mai, fand in einer lockeren und angenehmen Atmosphäre statt. Auf dem Hof der Schule war ein großes Zelt aufgebaut, das gegen Sonne und evtl. Regen Schutz bieten sollte. Glücklicherweise schien weder die Sonne brennend auf die Gäste nieder noch regnete es, obwohl ja die nahende Regenzeit in den Tagen zuvor schon erste Vorboten geschickt hatte.

Die lange Liste der Grußworte wurde aufgelockert durch die frohen Gesänge des Schulchores und des Lehrerchores.

Besonders interessant waren für mich die kurzen Ansprachen zweier ehemaliger Schüler der GCS. Zunächst sprach ein blinder Schüler, der dank der Ausbildung an der GCS die Möglichkeit bekommen hatte, ein Studium an der Universität in Addis Abeba aufzunehmen. Danach berichtete ein inzwischen erwachsener junger Mann, der im frühen Kindesalter an Polio erkrankt war. Auch er hatte dank der GCS studieren können und ist nun Jurist. Jetzt kann er nicht nur für sich selbst sondern auch für seine Familie sorgen. Das waren zwei beeindruckende Zeugnisse für die gute Arbeit der Schule.

Zwischen all den Reden bot ein Schüler ein kleines Theaterstück auf amharisch dar.

Wie bei solchen Anlässen üblich, gab es nur wenig Zeit, mit den geladenen Gästen ein Wort zu wechseln. Nach einem Imbiß löste sich die Gesellschaft nach und nach auf. Einige sahen sich jedoch noch die Fotoausstellung über die Geschichte der Schule von den Anfängen bis zur Gegenwart an. Dafür hatte man eigens einen Klassenraum geräumt. Diese Ausstellung hat auch noch am nächsten Tag viele Interessenten angelockt.
Außerdem konnte man in diesem Klassenzimmer Gemälde betrachten, die Schüler der GCS im Kunst-Zirkel gemalt hatten. Einige haben eine beeindruckende Qualität! Darunter befanden sich auch Gemälde von Schülern, die ich 2000 noch in ihren Häusern besucht hatte (siehe mein Reisebericht von 2000). Da mir einige Bilder besonders gefielen, konnte ich mit den Künstlern handelseinig über den Kauf von drei Bildern werden.

Am Sonnabend, dem 1. Juni, veranstaltete die GCS einen "Tag der offenen Tür". Ich war überrascht, wieviele Eltern bzw. Verwandte den Weg zur Schule fanden.
Als sich alle in dem Festzelt versammelt hatten, spielten Schüler ein recht langes Theaterstück zum Thema HIV/AIDS. Die Äthiopier scheinen ein natürliches Talent zum Theaterspielen zu haben, denn die Schüler spielten sehr mitreißend! Es war erstaunlich zu sehen, wie die Zuschauer emotional mitgingen: lachend, weinend, klatschend!
Der Schuldirektor bat mich überraschend, auch an diesem Tage ein Grußwort zu sprechen, er wolle übersetzen. Darauf Schulkinderwar ich nun gar nicht vorbereitet - zumal ich es nicht gewohnt bin, solche spontanen Reden in englisch zu halten. Doch fühlte ich mich in der ganzen Atmosphäre so gut, daß mir die Worte des Grußes überraschend leicht von den Lippen gingen. So überbrachte ich erneut die Grüße aus Deutschland, wofür das Auditorium mit langem Beifall dankte.

Schließlich waren die Anwesenden eingeladen, sich in der Schule umzusehen und zu erfahren, unter welchen Bedingungen ihre Kinder lernen und umsorgt werden. Auch dieses Angebot wurde überraschend gut angenommen und so drängten sich die Menschen nacheinander durch all die verschiedenen Räume der Schule.
Besondere Aufmerksamkeit schienen die beiden Resourcerooms für die blinden Kinder zu bekommen. Ein Raum steht den blinden Schulanfängern zur Verfügung, der andere Raum ist für die Fortgeschrittenen bestimmt. Die Menschen waren offensichtlich beeindruckt, was für diese üblicherweise benachteiligten Kinder getan wird. So war es für mich außerordentlich interessant, in ihren Gesichtern zu lesen und ihr Erstaunen und ihren Respekt wahrzunehmen.
Bei dieser Gelegenheit traf ich auch einige Kinder wieder, die ich bei meinen früheren Besuchen schon mehrfach gesehen hatte, z.B. Ashenafi, Desta und Belaynesh. Mich bewegen solche Begegnungen stets in besonderem Maße. Dann sehe ich, wie gut die Kinder vorankommen und welche Chance sich ihnen mit dieser Schule bietet.

Auf dem Schulhof war ein Tisch aufgebaut, auf dem verschiedene metallene Werkstücke lagen. Diese wurden von Schülern hergestellt, die sich jetzt in einer Berufsausbildung befinden und durch die sogenannte "extended fostership" weiter durch die GCS betreut werden. Eine extended fostership (erweiterte Patenschaft) wird dann möglich, wenn sich Pateneltern entscheiden, ihr Patenkind weiterhin finanziell mit 26 € pro Monat zu unterstützen, bis ihre Ausbildung (bzw. ihr Studium) an einer anderen Einrichtung abgeschlossen ist.

    Exkurs: In diesen Tagen hatte ich auch die Möglichkeit, mit der Krankenschwester der Schule zu sprechen und sie nach ihren Wünschen für die Klinik zu fragen. Sie teilte mir mit, daß die Klinik eine Personenwaage und ein Blutdruckmeßgerät benötigt.

    SozialarbeiterAußerdem hat es seit meinem Besuch im Februar 2001 eine personelle Veränderung gegeben.
    Frau Margrit Leuchten, die gemeinsam mit Frau Desta als Sozialarbeiterin im Rahmen ihres Anerkennungsjahres an der GCS arbeitete, hat ihre Tätigkeit beendet. Ihre Nachfolge hat Herr Merdessa Kassaye im März 2002 angetreten.
    Zu seiner Tätigkeit gehört u.a. auch die Erteilung des Ethikunterrichtes in den Klassen 6-8.

    Welche Aufgaben die Sozialarbeiter haben, habe ich schon in meinen Reiseberichten erwähnt. Natürlich ergeben sich auch immer wieder neue Arbeitsfelder.

    In den Monaten März bis Mai 2002 sorgten sie dafür, daß der Konferenzraum der Schule auch als Leseraum für die Schüler der Klassen 1-6 genutzt werden konnte. Das machte sich erforderlich, weil die Bibliothek für diese Zwecke einfach nicht ausreicht. Nach den Winterferien (in Europa während der Sommerzeit) wird es aber aus Platzgründen leider nicht mehr möglich sein, dieses Angebot fortzuführen, weil der Konferenzraum anderweitig genutzt wird.

    Herr Merdessa und Frau Desta haben begonnen, Statistiken über die Lebensbedingungen der Schüler anzufertigen, um so einen besseren Überblick zu bekommen und bei jeweils spezifischen Problemen gezielter helfen zu können. Dazu helfen auch die Besuche, die die beiden an jedem Mittwoch bei Familien durchführen, die sich in einer besonders problematischen Situation befinden.

    Neben all den Schwierigkeiten, die ich schon in früheren Reiseberichten erwähnte, erfuhr ich jetzt noch, daß die älter werdenden Schülerinnen über Belästigungen durch die Männer in ihrem Wohnumfeld klagen. Es liegt auf der Hand, daß den Sozialarbeitern gerade auch auf diesem Gebiet eine wichtige Funktion zukommt.

Am Sonntag, dem 2. Juni, fanden die Feierlichkeiten ihren Abschluß mit einem gemeinsamen Gottesdienst in der Kreuzkirche, der Heimstatt der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde. Um der bunt gemischten Gottesdienstbesucher willen wurde der Gottesdienst in englischer Sprache gehalten.

Die Eintracht und die Gemeinschaft der anwesenden evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen hat mich tief bewegt!

Konfessionelle Grenzen scheinen unter solch außergewöhnlichen Bedingungen zweitrangig zu werden und man bekommt eine Ahnung, wie es sein könnte, wenn die christlichen Kirchen sich nur endlich entschließen könnten, selbstgemachte unüberwindbare Grenzen zu beseitigen.
Die Predigt über das sogenannte "Kinderevangelium" (Markus 10, 13-16) hielt der schon oben erwähnte katholische Pfarrer Schroedel. Ein Mann mit großer und herzlicher Ausstrahlung. Das Evangelium wurde in drei Sprachen gelesen: englisch, amharisch und deutsch. Die Kirchenmusik wurde von Mitgliedern der Gemeinde und dem Schulchor der GCS gestaltet und das Abendmahl gemeinsam gefeiert - ein sehr bewegender Augenblick.

KreuzkircheUnd wieder durfte ich - unvorbereitet - ein Grußwort in englischer Sprache sprechen. Dem Herrn sei Dank, gelang das mir auch dieses dritte Mal.
Im Anschluß trafen sich die Gemeindeglieder noch zu einem Imbiß im Gemeindezentrum. Gespräche und schließlich herzliche Verabschiedungen ließen die Jubiläumsfeierlichkeiten nur zu schnell ausklingen.

Diese Festtage haben mir große Freude bereitet!
Nach all den Jahren des Engagements für die GCS war es schön, auch einmal mit den Mitarbeitern, Lehreren und Schülern zu feiern und bei dieser Gelegenheit auch neue Menschen kennenzulernen, die gleichermaßen mit der Schule verbunden sind.

Eine wichtige Erkenntnis für mich persönlich war, wieviel Bewahrung und Segen diese Schule durch Gott in all den Jahren erfahren hat.
So fand ich nur einmal mehr bestätigt, daß die Schule aller Unterstützung wert und würdig ist. Meine Hoffnung besteht darin, daß sich auch in Zukunft immer wieder Menschen finden, die diese Arbeit unterstützen.

Pfarrer Gerhard Reuther, Stendal

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